22. November 2018
Fiese Verschwörung in Paraguay
Ein paar Altnazis wollen Hitler reproduzieren und die Klon-Kinder überall auf der Welt verteilen? Das klingt nach absurdem Trash, entpuppt sich aber als erstklassiger Thriller.

Der Name Ira Marvin Levin ist vermutlich nur wenigen bekannt, doch der US-Amerikaner verfasste zahlreiche Romane, die später zu erfolgreichen Filmen werden sollten. Darunter „Die Frauen von Stepford“, der gleich zweimal erfolgreich verfilmt wurde, Roman Polańskis Meisterwerk „Rosemaries Baby“ und Sidney Lumets Krimikomödienklassiker „Das Mörderspiel“. Etwas weniger bekannt, aber nicht minder legendär ist sein 1976 erschienener Roman „Die Boys aus Brasilien“, in dem Levin eine damals verbreitete Verschwörungstheorie aufgreift und mit einer ziemlich surrealen Science-Fiction-Geschichte vermischt.
Diese führt uns, entgegen des Titels, nicht nach Brasilien, sondern zunächst nach nebenan, nach Paraguay. Dort ist der jüdische Journalist Barry Kohler auf der Spur von Altnazis – was bis hierhin übrigens keineswegs abwegig ist. Paraguay war, wie einige andere südamerikanische Länder, nach dem Zweiten Weltkrieg Ziel zahlreicher Deutscher, darunter auch ehemaliger Nationalsozialisten. Zudem hatte das Land durch das deutsch-völkische Projekt „Nueva Germania“ bereits seit dem späten 19. Jahrhundert einen gewissen Ruf innerhalb völkischer Kreise.
Doch zurück zu Barry: Bei seinen Recherchen stößt er auf etwas weitaus Größeres. Zahlreiche Altnazis um den berüchtigten Dr. Josef Mengele planen offenbar etwas Großes in Südamerika. Hilfesuchend wendet er sich an den bekannten Nazijäger Ezra Lieberman – doch der glaubt ihm zunächst nicht.
Kurz darauf kommt Barry ums Leben. Lieberman beginnt, vom schlechten Gewissen getrieben, doch nachzuforschen und stößt auf eine seltsame Verschwörung, die ihn schließlich in ein Labor nach Brasilien führt. Dort erfährt er, dass die Exilnazis seit Jahren zahlreiche Hitler-Klone in die Welt setzen und sie in ahnungslosen Familien rund um den Globus unterbringen. Anschließend sorgen sie dafür, dass die Jungen möglichst exakt dieselbe Biografie wie der „Führer“ durchlaufen – einschließlich eines früh verstorbenen Vaters. Die Nazis wollen also nicht einfach Hitler klonen. Sie wollen ihn erneut erschaffen.
Der Film von Franklin J. Schaffner, bei uns ebenfalls unter dem englischen Titel „The Boys from Brazil“ erschienen, hält sich dabei erstaunlich eng an Levins Vorlage. Was damals als reine Science-Fiction-Unterhaltung gedacht war, gehört heute durchaus zum Baukasten bekannter Verschwörungsmythen und wurde in der Popkultur immer wieder aufgegriffen. Besonders bekannt dürfte der Stoff vielen als Running Gag in der Agenten-Hitserie „Archer“ sein.
Neben oder vielleicht eher trotz seiner absurden Geschichte funktioniert THE BOYS FROM BRAZIL aber durchaus als spannender Thriller. Zwar büßt der Film gegen Ende etwas an Tempo ein und wird dadurch stellenweise etwas langatmig, insgesamt bleibt die Geschichte jedoch erstaunlich packend.
Dass das so gut funktioniert, liegt vor allem an der erstklassigen Machart, dem tollen Soundtrack von Top-Komponist Jerry Goldsmith und natürlich an den großartigen Hauptdarstellern: Filmlegende Laurence Olivier als Ezra Lieberman und Gregory Peck als Josef Mengele. Bemerkenswert ist zudem die Vielzahl bekannter Darsteller, die hier teilweise nur in kleineren Rollen zu sehen sind. Mit dabei sind unter anderem Sky du Mont, David Hurst, Bruno Ganz, Steve Guttenberg, James Mason und Ben Stillers Mutter Anne Meara.
THE BOYS FROM BRAZIL ist ein ziemlich kurioser Thriller: Die Geschichte um geklonte Hitler und einen Nazi-Plan, der Jahrzehnte nach dem Ende des Dritten Reichs weiterläuft, klingt heute fast schon wie eine Parodie auf klassische Verschwörungserzählungen. Trotzdem nimmt der Film seine absurde Prämisse erstaunlich ernst und macht daraus einen spannenden, hervorragend besetzten Thriller.
Land/Jahr Großbritannien, USA
Label: Koch Films
FSK: ab 16
Laufzeit: ca. 125 Min.
