
Die eigene Familie vor der Kamera
SENTIMENTAL VALUE wurde dieses Jahr für neun Oscars nominiert und nahm eine Trophäe als Bester nicht-englischsprachiger Film mit nach Hause. Das Familiendrama um Trauer, Vergebung, Anerkennung und Kunst liegt nun auf DVD und Blu-ray vor.
Vor einigen Jahren setzte der norwegische Filmemacher Joachim Trier mit seinem kraftvoll inszenierten und unverblümt erzählten Generationportrait „Der schlimmste Mensch der Welt“ ein Ausrufezeichen im internationalen Arthouse-Kino. Sein Nachfolgeprojekt SENTIMENTAL VALUE ist zwar auch wieder mit einer toll aufspielenden Renate Reinsve besetzt, verhandelt aber ungleich introspektiv einen Familienkonflikt, der trotz einiger poetischer Ansätze in seiner stets konzentrierten und nüchternen Reduziertheit etwas anstrengend gerät.
Nora Borg (Renate Reinsve) ist eine erfolgreiche, aber auch einsame Theaterschauspielerin, während ihre Schwester Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) mit Ehemann Even und Sohn Erik privat ihr Glück gefunden hat. Auf der Trauerfeier für ihre verstorbene Mutter Sissel taucht unverhofft auch ihr Vater Gustav (Stellan Skarsgård) auf, der seine Familie vor Jahren verlassen hat. Damit reißt er längst verheilt geglaubte alte Wunden und Konflikte auf – und dass der gefeierte Regisseur Nora für seinen nächsten, selbstgeschriebenen Film gewinnen möchte, verschärft die emotional angespannte Situation noch weiter…
Es dauert nur wenige Minuten, bis Joachim Trier in seinem zusammen mit Eskil Vogt zusammen verfassten Skript die erste mittels Voice Over ausgeführte Metapher für das angeknackste Beziehungsgefüge gefunden hat: Das alte Haus, das die Familie seit mehreren Generationen bewohnt und Zeuge von Streits und einem Suizid wurde, weist deutliche Risse im Mauerwerk ein, die nicht sofort, aber doch irgendwann zum Einsturz führen. Der unterkühlte und gesundheitlich angeschlagene Gustav versucht nun auf seine Art, das familiäre Mauerwerk wieder zu kitten – was ihm jedoch (zunächst) nicht so recht gelingt. Zu sehr hat er sich von seinen Töchtern entfremdet, zu sehr weiß er Theater als Kunstform nicht zu schätzen.
Aufgelockert wird diese traurige und einem puristischen Realismuskonzept verpflichtete Liebesgeschichte (natürliches Licht, Originalschauplätze, bewegliche Handkamera, Verortung in der Gegenwart – Dogma95 lässt aus der Ferne grüßen) durch zahlreiche kleine Pointen rund um Filme und das Filmschaffen, wenn der Dreh näher rückt. Gustav beschenkt den Grundschüler Erik mit DVDs von des knallharten Vergewaltigungsdramas „Irréversible“ und „Die Klavierspielerin“, damit er die Beziehung zu seiner Mutter verstehe (ein Laufwerk dafür besitzt die Familie nicht mehr). Die berühmte Schauspielerin Rachel Kemp (Elle Fanning) glaubt Meisterregisseur Gustav reichlich naiv, dass jener Hocker, auf dem sich vor Jahren seine Mutter erhangen habe, auch Filmrequisite sei – obwohl er kürzlich bei einem schwedischen Möbelhaus gekauft wurde. Und als Gustav einen alten Weggefährten für sein neues Filmprojekt gewinnen will, gibt dieser unumwunden zu, dass er sein Haus Lasse Hallström (Regisseur u.a. von „Gottes Werk und Teufels Beitrag“) zu verdanken habe und nicht ihm. Dieses Augenzwinkern ist aber auch bitter nötig bei einem Film, der sich immer tiefer in die Emotionen seiner allesamt psychisch angeknacksten Protagonisten eingräbt – und darüber eine große emotionale Intensität entfaltet, die einhergehend mit reduzierten Szenenbild herausfordert.
Im Bonusmaterial kommt neben den Darstellern auch Joachim Trier in einem kurzen Interview (ca. 6 Min.) zu seinen Erfahrungen auf den Filmfestspielen in Cannes zu Wort, wo sein erst zehn Tage zuvor fertig geschnittener und bearbeiteter Film Weltpremiere feierte. Auch ein Fernsehbeitrag von szene München hat es als Bonus auf die Scheibe geschafft, denn – Fun Fact – der inzwischen auch in Hollywood etablierte und alle Autogrammwünsche geduldig erfüllende Stellan Skarsgård (zuletzt u.a. in „Dune – Part Two“ zu sehen) wird nur selten mit Preisen geehrt und freute sich über den CineMerit Award auf dem Filmfest München 2025 umso mehr.
LUTZ GRANERT
Titel: SENTIMENTAL VALUE
Label: Plaion Pictures
Land/Jahr: Norwegen/D/DK/F/SW/GB/Türkei 2025
FSK & Laufzeit: ab 12, ca. 133 Min.
Verkaufsstart: veröffentlicht
sentimental value, skandinavien, oscars, drama
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