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Der Weg ist das Ziel

Eine Freundschaft auf der Probe in der rauen Natur Schottlands: Das Independent-Drama THE NORTH bietet überwältigende Landschaftspanoramen, bleibt aber in seiner Dramaturgie simpel.

Wandern scheint eine inspirierende, lösende Kraft zu besitzen – zumindest im Kino. In „Ich bin dann mal weg“ fand ein berühmter deutscher Entertainer unterwegs auf dem Jakobsweg sein inneres Gleichgewicht, in „Der große Trip – Wild“ fand eine junge Frau durch den herausfordernden Pacific Crest Trail aus ihrem Lotterleben heraus, in „Der Salzpfad“ lernte eine Familie auf dem gleichnamigen Trail die eigene finanzielle Misere und Lebenskrise zu überwinden. Und auch die Wanderung zweier Freunde in THE NORTH hat etwas Heilsames an sich – auch wenn das nur angedeutet bleibt.

Zehn Jahre nach ihrem letzten Kontakt treffen sich die beiden Freunde Lluis (Carles Pulido) und Chris (Bart Harder) für eine 600 Kilometer lange Wandertour. In Schottland wollen der Spanier und der Niederländer in einem Monat erst komplett den West Highland Way laufen, um anschließend auf dem (unmarkierten) Cape Wrath Trail bis an die Nordwestspitze der Insel zu gelangen. Anfangs noch gut gelaunt und voller Tatendrang, tun sich bei dem ungleichen Duo jedoch bald einige Risse auf…

Die wildromantische Landschaft der schottischen Highlands ist so etwas wie der dritte Hauptdarsteller, die Kameramann Twan Peeters in eindrucksvollen, teils überwältigenden Panoramen mit nebelverhüllten Munros oder weiten Lochs einzufangen weiß. Gerade in Verbindung mit einem voluminösen Sound, der die Urkräfte der Natur auch akustisch entfesselt, entsteht ein Mittendrin-statt-nur-dabei-Gefühl. Mit kleiner Crew wanderte das mit nur sehr geringem Budget ausgestattete Filmteam um Regisseur und Drehbuchautor Bart Schrijver („Human Nature“) einfach mit – und entwickelt dabei fast unmerklich ein Gespür für die Befindlichkeiten seiner spröde bleibenden Protagonisten. Beim auf Offline-Navigation mit Karten bestehendem Lluis wurde in einem frühen Stadium Hodenkrebs diagnostiziert, kommt einmal nebenbei in einem Gespräch mit einem anderen, Spenden sammelnden Wanderer heraus. Chris wiederum hat den Kopf nicht frei und seinen mehrfach anrufenden Boss im Nacken – digital detox würde ihm gut tun, fordert Lluis. Beide entfremden sich auch wegen wiederholter, aufs Gemüt drückender Regentage zusehends.

Die (zwischen-)menschlichen Probleme der beiden introvertierten Männer bleiben in THE NORTH bis zum Ende unausgesprochen, nur vage angedeutet – die lange schwelende Spannung wird trotz diverser heilender Tränen auch bei einer stolzen Laufzeit jenseits von zwei Stunden nicht aufgelöst. Das ist etwas zäh – so wie die Strapazen des Weitwanderwegs, der trotz allem Fernweh weckt.

LUTZ GRANERT

Titel: THE NORTH
Label: Piffl Medien
Land/Jahr: Niederlande 2025
FSK & Laufzeit: ab 6, ca. 133 Min.
Kinostart: 21. Mai

the north, schottland, Wandern, kino

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