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Ein Satansbraten, sie alle zu knechten

Ein Satansbraten, sie alle zu knechten SHIN-CHAN  terrorisiert (?) seit 1990 die japanische TV-Landschaft – und seit 2002 auch die deutsche. Polyband Anime bringt den kleinen Teufel in überarbeiteter Version zurück auf die deutschen Bildschirme, aktuell sind 10 DVD-Boxen mit je 21 Episoden erschienen. In Japan ist der Anime noch nicht abgeschlossen.

Die 21 Episoden der 10. DVD-Box sind ein wilder Ritt durch den Familienalltag der Noharas. Erzählt wird SHIN-CHAN  aus der Sicht des fünfjährigen Shinnosuke, der mit seiner rüpelhaften Ehrlichkeit und seiner schamlosen Direktheit die japanische Gesellschaft auf die Schippe nimmt. Wo Zurückhaltung geübt werden sollte, wird der freche Junge erst recht laut, wo Höflichkeit angebracht wäre, benimmt er sich so daneben, dass kein Fettnapf der Welt groß genug ist, um seine Füße zu halten – geht SHIN-CHAN  mit seiner Mutter einkaufen und steht mit ihr an der Kasse, fragt er schon mal: „Mama, warum hast du so viel Geld für Schminke ausgegeben? Willst du schöner werden, weil Papa dich nicht mehr mag?“

SHIN-CHAN ist nicht weniger als ein lustiges Alltagsdrama um das Familienleben. Mama Misae kämpft mit dem Haushaltsstress und dem Druck, eine vorzeigbare Ehefrau zu sein, während Papa Hiroshi versucht, sein Arbeitsleben zu meistern – und irgendwo ein feiner Mann für seine Herzdame zu sein. Mit seinen unpassenden Kommentaren sorgt Teufelskind Shinnosuke aber nicht nur für Chaos – hinter seinen Äußerungen steckt Satire auf Konsum, Familienrollen und die sozialen Erwartungen in Japan der 90er-Jahre.

Kindhafter Stil mit Idee

Als würde ein Kind mit einem dicken Buntstift über Papier kritzeln und schon die Grundlagen der Anatomie kennen – so lässt sich der visuelle Stil von SHIN-CHAN beschreiben. Dicke, krakelige Linien, kein Schatten und der Einsatz einer simplen Farbgebung dominieren das Bild. Kräftiges Rot, Gelb oder Braun sind die prägenden Farben, Mischfarben wie Lila oder Rosa sind eher kaum zu sehen – immerhin wird die Geschichte durch die Augen eines Kindes erzählt, der Animationsstil zielt eben darauf ab.

Wie Kinderbilder wirken die Episoden an manchen Stellen statisch, dafür sind Gesichtsausdrücke umso übertriebener und reißerischer – vor allem, wenn Mama Misae einen Rabatt findet oder Papa Hiroshi eine hübsche Frau. Da ist es oft ein Wunder, dass keiner Figur die Augen aus dem Kopf kullern. Der Stil aber macht alle Figuren leicht unterscheidbar. Die Gesichter der Erwachsenen sind oft spitz, die der Kinder rundlich – alle mit spezifischen Merkmalen. Mama Misae zum Beispiel hat ein schiefes Kinn mit Haaren, die einer Dauerwelle ähneln, und Papa Hiroshi ein sehr glattes, markantes Gesicht mit einem zerzausten Wuschelkopf.

Ein wenig Kontroverse

Sexuelle Anspielungen und frauenfeindliche Witze machen SHIN-CHAN in Japan und außerhalb nicht unumstritten. Misae als „gestresste Hausfrau“ wird oft als hysterisch dargestellt, wenn sie SHIN-CHAN  erzieht oder Geldprobleme hat. Das spiegelt die Erwartung, dass Frauen den Haushalt und Kinder allein managen. Sexualisierte Witze macht SHIN-CHAN  häufig – abwertende Kommentare über Frauenkörper oder freches Verhalten gegenüber dem weiblichen Geschlecht stehen bei ihm an der Tagesordnung. Das ist als kindlicher Tabubruch gedacht, wirkt aber aus heutiger Perspektive problematisch.

Die Serie wollte eigentlich die damaligen Normen humorvoll kritisieren – etwa die Doppelbelastung von Frauen oder die Fixierung auf Schönheit. Allerdings ist die Umsetzung oft so derb, dass die Kritik nicht immer klar erkennbar ist – daher gibt es dafür in Deutschland ein FSK 12, und in Japan wird der Titel unter dem Tag „Seinen“ geführt. Das meint nicht weniger, als dass sich SHIN-CHAN an eine ältere Zielgruppe wendet.

SHIN-CHAN ist keine frauenfeindliche Serie im Kern, aber sie nutzt sexistische Klischees als satirisches Stilmittel – das leider nicht immer gut erkennbar ist und durch die fehlende Intervention der Erwachsenen einen bitteren Nachgeschmack bekommt.

Fazit:

Die 10. Box ist chaotisch und leider sehr derb. Wer hinter die kindliche Fassade blickt, entdeckt eine Gesellschaftskritik, die bis heute relevant ist und Frauenfeindlichkeit schamlos zeigt, ohne entsprechende Konsequenzen, in einer Zeit, in der eben jene wichtiger sind denn je – verpackt ist das alles (leider) hinter frechen Sprüchen und krakeligen Zeichnungen.

LILI SCHMIRGAL

Titel: SHIN CHAN - DIE SERIE - VOL. 10
Regisseur: Yuji Mutoh
Land: Japan 1992
Länge: Ca. 147 Min.
FSK: ab 12

 

 

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