Ein Jahrhundert toxische Männlichkeit
Innovativ oder sperrig? Das intensive und preisgekrönte Drama IN DIE SONNE SCHAUEN wurde vom Feuilleton gefeiert, lässt aber irgendwo zwischen verkopften und Kopfkino ratlos zurück – besonders auf der karg ausgestatteten DVD.
Es passiert nun wahrlich nicht oft, dass ein deutscher Beitrag im Wettbewerb der prestigeträchtigen Filmfestspiele von Cannes läuft – und dann auch noch mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wird. Der Filmemacherin Mascha Schilinski ist dieses Kunststück mit einem ebenso eindrücklichen wie suggestiven Drama, in dem vier verschiedene Zeitebenen auf einem Hof in der Altmark nach kurzen Knacken, Knistern und Grollen immer wieder ineinanderfließen. IN DIE SONNE SCHAUEN löst sich durch Assoziationen von einer klassischen Erzählung – was vom Feuilleton fast einhellig gefeiert wurde, beim Anschauen aber fordernd gerät.
Wo also setzen wir an? Vielleicht bei Angelika (Lena Urzendowsky), die mutmaßlich Ende der 1970er Jahre (Zeiteinblendungen gibt es nicht) auf einem abgelegenen Hof in der Altmark langsam erwachsen wird. Ihre körperlichen Reize sind jedoch auch ihrem kettenrauchenden Onkel Uwe und ihrem etwas älterem Cousin Rainer nicht verborgen geblieben. Die Teenagerin entflieht ihrer Beklemmung während eines Familienfotos – auf dem Polaroid sie nur als geisterhafte Erscheinung zu sehen. In dem Grenzfluss, in dem sie Schwimmen trainierte, ertränkten sich zum Ende des Zweiten Weltkriegs Frauen wie die junge Erika (Lea Drinda), um der Vergewaltigung durch die Alliierten zu entgehen. Das bleibt jedoch ebenso schemenhaft angerissen wie das Geschehen nochmal dreißig Jahre früher, als Magd Trudi (Luzia Oppermann) unfruchtbar gemacht wurde, weil ihre Tatkraft auf dem Hof gebraucht wurde – auch bei der Befriedigung der zahlreichen Knechte. Und dann der Sprung in die Gegenwart, wo eine Berliner Familie die Flucht aufs Land wagt und das Mädchen Lenka am Fluss spürt, wie die Wellen sie hinabziehen, als wäre sie 80 Jahre früher dabei gewesen...
Fotos und Blicke (gern direkt in die Kamera) spielen in dem kunstvollen Drama, das über mehrere Generationen regelrecht existenziell von Unterdrückung und sexuellem Missbrauch junger Frauen erzählt, eine große Rolle. Nur bleiben ihre Schicksal zu großen Teilen elliptische Plot-Miniaturen, sporadisch unterlegt von einem Voice Over einer Person aus der jeweiligen Zeit. IN DIE SONNE SCHAUEN ist ein künstlerisches und bisweilen unbequemes Drama, bleibt aber im wörtlichen Sinne Stückwerk – und der Zugang wird zumindest auf der DVD durch fehlendes Bonusmaterial abseits einer Handvoll Trailer nicht gerade erleichtert. Die (nicht vorliegende) Blu-ray bietet zwar drei Interviews als Extras auf. Aber warum es die gleich zwei Folgen des Formats „Im Reich der Bilder“, in dem sich Filmkritiker Rüdiger Suchsland für den hauseigenen Streamingdienst Neue Visionen Plus erst in langem Monolog analytisch, später im Interview mit zwei Jungdarstellerinnen intensiv mit dem Film auseinandersetzt, nicht auf die Scheibe geschafft hat, bleibt ein Rätsel.
LUTZ GRANERT
Titel: IN DIE SONNE SCHAUEN
Label: Neue Visionen
Land/Jahr: Deutschland 2025
FSK & Laufzeit: ab 16, ca. 149 Min.
Verkaufsstart: veröffentlicht
Mascha Schilinski, in die sonne schauen, Cannes
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