Verschiebung der Erdachse und andere Katastrophen
FUTURE BOY CONAN aus dem Jahr 1978 ist ein eher weniger bekanntes Werk des Mitbegründers von Studio Ghibli, Hayao Miyazaki – dabei ist das Werk nicht weniger genießbar als andere Arbeiten aus der Feder des Meisters und kommt sogar im Seriengewand daher – wie gewohnt liebevoll und kritisch.
Angesetzt im Jahr 2008 spielt das Geschehen der Serie 20 Jahre nach einer verheerenden Katastrophe – menschengemacht, wie man es von Miyazaki kennt. Ein globaler Krieg mit „supermagnetischen Waffen“ hat die Erdachse verschoben. Kontinente versinken im Meer, das Wetter ist unberechenbar und nur wenige der noch vorhandenen Inseln sind überhaupt bewohnbar. Auf einer dieser Inseln lebt der Junge Conan – er besitzt eine außergewöhnliche Kraft und ist mit einem urigen Überlebensinstinkt gesegnet.
Eines Tages trifft er auf Lana, ein Mädchen, das von einer zwielichtigen Organisation namens Industria verfolgt wird. Der nach neuer Technik lechzende Konzern will sie zwingen, ihnen den Standort ihres Großvaters zu verraten, der angeblich den Schlüssel zu einer mächtigen Energiequelle besitzt. Klar will Industria diese Kraft für eigene Zwecke nutzen – Natur? Menschlichkeit? Das braucht niemand, der viel Geld mit dem scheffeln will, was andere brauchen.
Natürlich will Conan Lana helfen und gerät tief in einen Konflikt, der nicht nur sein Leben, sondern das der ganzen restlichen Welt bestimmen soll – dabei sollen Technik und Natur im Einklang liegen, ohne dass Technokraten und reiche Schnösel Raubbau an Natur und Menschen betreiben.
Ein wenig realer Irrsinn
1978 ist schon lange her – aber die Thematik der Serie ist hochaktuell. Umweltzerstörung zum Wohle weniger reicher Menschen, Technik, die falsch genutzt den Planeten und seine Gesellschaft an den Rand des Abgrunds treibt, und nicht zuletzt der Machtmissbrauch derer, die an den richtigen Hebeln sitzen – heute heißen die Probleme ähnlich: KI, Klimawandel, reiche weiße Männer, die die Welt unter sich aufteilen wollen, Krieg um seltene Erden und Öl – der Leser möge sich etwas aussuchen.
Trotz der schweren Thematik ist FUTURE BOY CONAN eine Serie, die sich sowohl an Kinder als auch an Erwachsene richtet. Themen wie Mut, Menschlichkeit und Liebe spielen eine ebenso große Rolle im Widerstand gegen die Technokraten wie der blanke Wille, die Welt nicht wegen weniger in ihr Verderben laufen zu lassen. Conan verkörpert dabei Mut und Menschlichkeit, Lana steht für Empathie und Naturverbundenheit.
In einer frühen Episode springt Conan, ohne zu zögern, ins offene Meer, um Lana vor dem Ertrinken zu retten. Trotz starker Strömung und Gefahr für sein eigenes Leben kämpft er sich durch die Wellen – ein Moment, der zeigt, wie selbstlos und entschlossen er ist. Für Conan zählt nicht die Gefahr, sondern das Leben seiner Freundin.
Als Lana in Gefangenschaft gerät, bleibt sie ruhig und freundlich, selbst gegenüber den Industrialeuten. Sie versucht, ihre Beweggründe zu verstehen, und spricht mit Mitgefühl statt Hass. Später kümmert sie sich liebevoll um verletzte Tiere und Menschen, was ihre tiefe Verbundenheit mit Natur und Lebewesen unterstreicht.
Weiterhin zeigt FUTURE BOY CONAN, dass auch Bösewichte nicht einfach nur böse sind. Ein Beispiel ist Dyce, der später sogar zum Verbündeten des Duos wird. Anfangs wirkt Dyce wie ein typischer Schurke: Er entführt Lana und führt Befehle aus, weil er Geld und Sicherheit will. Doch im Verlauf der Geschichte zeigt sich, dass er kein herzloser Bösewicht ist. Als er erkennt, wie skrupellos Industria vorgeht – etwa bei der Zerstörung von Natur und der Misshandlung von Menschen –, beginnt er zu zweifeln und entscheidet sich gegen seinen Geldgeber.
Schön verpackt
Das Epos trägt die Handschrift des Animationskünstlers – wie in vielen seiner kritischeren Werke prägen Maschinen statt Fantasy-Wesen das Bild. Er nutzt sie, um die verschiedenen Beweggründe der Figuren zu untermauern. So verfügt Industria über die Barracuda, ein massives Kriegsschiff, das Macht und industrielle Dominanz symbolisiert. Es wirkt bedrohlich und gefährlich. Dem gegenüber stehen Hydroplanes, kleine Wasserflugzeuge, die von den Inselbewohnern benutzt werden – sie sind Ausdruck von Freiheit und Abenteuerlust und aufgrund ihres Antriebs ein Symbol der Naturverbundenheit.
Gepaart mit lebendigen Landschaften zeigt Miyazaki, dass selbst eine Welt am Rande einer Katastrophe wunderschön sein kann. Er entführt Zuschauer in die Unterwasserwelt, um einen Eindruck der untergegangenen Zivilisation zu vermitteln, in der alles grau und trist war – dem gegenüber stehen die verschiedenen Inseln mit unterschiedlichen Habitaten und Lebensräumen für Tiere und Pflanzen – farblich satt und einzigartig in ihrer Liebe zum Detail.
Fazit
FUTURE BOY CONAN ist mehr als Nostalgie. Es ist ein Werk, das Fragen stellt, die heute aktueller denn je sind: Wie gehen wir mit Ressourcen um? Welche Rolle spielt Menschlichkeit in einer technisierten Welt? Wer sich für Anime-Geschichte interessiert oder einfach eine mitreißende, warmherzige Serie sucht, sollte diesen Klassiker unbedingt sehen.
LILI SCHMIRGAL
Regie: Hayao Miyazaki
Label: Polyband Anime
Land/Herstellungsjahr: Japan 1978
FSK & Laufzeit: ab 12, ca. 650 Min.
Verkaufsstart: veröffentlicht
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