Dem Wahnsinn verfallen
Ein Schiffbrüchiger ohne Erinnerung, eine Insel ohne Ausgang, eine Familie ohne Wahrheit – PIGPEN ist ein psychologischer Albtraum in Comicform. Carnby Kim und Sick liefern mit ihrem Manhwa ein düsteres Meisterwerk zwischen Horror, Paranoia und Wahn – nichts für schwache Nerven, aber ein Muss für alle, die den Abgrund nicht nur sehen, sondern fühlen wollen.
Dass Mangas – oder besser gesagt Graphic Novels – längst nicht mehr nur für Kinder und Heranwachsende sind, dürfte inzwischen auch der letzte Comic-Fan begriffen haben. Düstere, brutale und abgründige Reihen erobern seit Jahren die Herzen erwachsener Leser, verstören sie, fesseln sie – und lassen sie in ihrem Mix aus Thrill, Horror und Sex nicht mehr los. Mangas sind heute ein florierendes, weltumspannendes Phänomen. Und nicht nur die japanischen Autoren und Grafiker verstehen ihr Handwerk – auch die Südkoreaner.
Meisterlich entspinnt Autor Carnby Kim gemeinsam mit Zeichner Sick in PIGPEN auf über 350 Seiten einen Albtraum, aus dem es kein Entrinnen gibt.
Minimalismus mit Gänsehaut
Die Aufmachung ist schlicht, aber eindringlich: Ein gruseliges Schweinegesicht, eine Art Maske, blickt den Leser direkt an – bekleidet mit Hemd und Krawatte. Beim ersten Durchblättern fällt auf: Die Zeichnungen sind koloriert, die Geschichte liest sich – westlichen Sehgewohnheiten entsprechend – von vorn nach hinten. Das mag japanisch-geschulte Leser anfangs irritieren, ist aber ganz klar eine Stärke.
Eine Warnung vorweg: Die Leseempfehlung von Carlsen sollte ernst genommen werden. Denn Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren könnten durch die Lektüre nachhaltig verstört werden.
Verloren auf der Insel
Eine paradiesische Insel. Rauschendes Meer. Wärmende Sonne. Und ein Mann ohne Erinnerung. Offensichtlich hat er Schiffbruch erlitten – und dabei sich selbst verloren. Um ihn herum Treibgut, darunter ein herrenloser Briefkasten. Was hat das zu bedeuten?
Als Orientierungspunkt nutzt der Mann den Postkasten, doch beim Umrunden der Insel trifft er immer wieder auf denselben Ort. Es nützt alles nichts – er muss in das dichtbewachsene Innere vordringen. Nach einem sintflutartigen Regenschauer erblickt er eine hell erleuchtete Villa, verliert jedoch kurz vor der Tür das Bewusstsein.
Er erwacht in einem Bett im Inneren. Eine merkwürdige, fünfköpfige Familie stellt sich ihm als Besitzer der Villa vor. Doch irgendetwas stimmt nicht – ganz und gar nicht. Je mehr Puzzleteile sich offenbaren, desto rätselhafter wird alles. Nichts passt wirklich zusammen. Fantasie und Realität verschwimmen zusehends. Fällt er dem Wahnsinn anheim? Oder ist es nur ein Albtraum?
Albtraum mit Sogwirkung
Die ersten 23 Kapitel dieses Manhwa (südkoreanischer Comic) hat Carlsen jüngst als ansehnliches Paperback inklusive Artcard veröffentlicht. Die beiden nächsten Bände sollen im November 2025 und Februar 2026 erscheinen. Die zwei finalen Teile der abgeschlossenen PIGPEN-Reihe sind bislang noch nicht angekündigt.
Die Geschichte des ersten Bandes liest sich wie ein Film – Szene für Szene baut sich eine dichte Atmosphäre auf. Unruhe, Angst, Wahnsinn, subtile Erotik, rätselhafte Momente, einsamer Dschungel, bedrohlich rauschendes Meer, atemlose Spannung und ein Hauch Blut. So muss ein Pageturner sein.
Auch erstaunliche Details sind auf den Seiten festgehalten – manchmal mit leicht überzeichneter Emotionalität, aber stets fesselnd. Langeweile kommt selten auf, wenngleich einige Szenen etwas gedehnt wirken. Doch das wird doppelt und dreifach durch einen dermaßen fiesen Cliffhanger am Ende wettgemacht, dass das Warten auf Teil zwei fast wie ein Psychospiel wirkt.
Carlsen, bitte quält uns nicht so – gebt uns die Fortsetzung. Jetzt!
MARCUS CISLAK
Autor: Carnby Kim
Zeichner: Sick
Verlag: Carlsen
Seitenzahl: 368 Seiten
Verkaufsstart: veröffentlicht