Liebesgeschichte voller Wunder
Es muss nicht immer eine kitschig-schnulzige Romanze sein, um zu fesseln – manchmal reicht ein Märchen mit poetischer Note, zwischen Ramen, Regenpfützen und der nicht ganz so magischen Macht der Entscheidung, um zu begeistern.
Samantha Sotto Yambaos WATER MOON entführt die Leser in ein magisches, aber dennoch realistisches Tokio, wo ein versteckter Pfandladen nicht nur Gegenstände, sondern auch Lebensentscheidungen und Reue entgegennimmt.
Die Handlung folgt der jungen Hana Ishikawa, die nach dem Verschwinden ihres Vaters und dem Diebstahl eines mystischen Artefakts eine Reise durch eine traumhafte Parallelwelt antritt – begleitet von dem rationalen Physiker Kei. Dessen wissenschaftliche Denkweise bildet nicht nur einen reizvollen Kontrast zur skurrilen Anderwelt, sondern auch ein Gegenstück zur träumerischen Hana.
Kulturell und mystisch
Wer Japan liebt, wird WATER MOON vergöttern – das Buch ist durchzogen von Symbolik und der Atmosphäre des Landes der aufgehenden Sonne.
Schon die Idee des Pfandladens als Ort der Reue erinnert an den buddhistischen Glauben, der in Japan seit über 1.400 Jahren fest verankert ist – an das Konzept von Karma und Loslösung.
Yambao führt ihre Leser durch Regenpfützen, lässt Papierkraniche fliegen und erschafft schillernde Nachtmärkte unter sternenreichen Himmeln. Ihre Traumlandschaften erinnern an die Werke Hayao Miyazakis und das legendäre Studio Ghibli. Wie Miyazaki bedient sich auch Yambao an der Shinto-Mythologie und japanischer Folklore.
Der Pfandladen liegt verborgen hinter einem Ramenladen und ist nur für Eingeweihte sichtbar – eine Schwelle zwischen der realen und der spirituellen Welt, ähnlich den großen roten Torii, den Toren vor Shinto-Tempeln, die den Übergang zu einem heiligen Ort markieren.
WATER MOON spielt zudem mit den japanischen Geisterwesen, den Yokai. Papierkraniche werden zu Trägern von Hoffnungen, Wünschen und Erinnerungen. Durch Gedanken aktiviert, materialisieren sie sich zu leuchtenden Vögeln, die sogar Zeitlinien verändern können. Sie entsprechen dem Yokai Tsukumogami – Gegenständen, die nach langer Zeit ein eigenes Bewusstsein entwickeln.
Auch die Idee, dass diese strahlenden Kreaturen Zeitlinien verändern können, erinnert an Yokai, die oft als launische, formwandelnde Wesen auftreten und das Schicksal der Menschen beeinflussen.
Der rote Faden der Mystik zieht sich durch das gesamte Buch – und doch findet die Autorin gekonnt Raum, um alltägliche japanische Kultur einzubringen: Ramenläden, detailliert beschriebene Teezeremonien und die stille Melancholie kleiner, urbaner Seitengassen im sonst so pulsierenden Tokio verleihen WATER MOON nicht nur Nahbarkeit, sondern auch Tiefe.
Erzählen mit Herz
Yambao schreibt poetisch und bildreich. Allein der Umstand, dass die Kapitel keine Titel tragen, sondern jeweils in einem japanischen Gedicht münden, das am Ende eines Abschnitts eine tiefere Bedeutung erhält, spricht für die Kraft ihrer Zeilen.
Sie hat eine Vorliebe für sinnliche Details und metaphorische Sprache. Manche Passagen wirken wie die feinen Pinselstriche eines Mangaka mit einer Schwäche für liebevolle Geschichten – träumerisch, aber nie kitschig.
So schreibt sie sinnlich: „Die Nacht roch nach Regen und Erinnerungen.“ Sie verbindet Geruch und Emotion in einem einzigen Satz und spricht mehrere Sinne gleichzeitig an. Oder: „Hana trat in die Gasse, als würde sie in eine alte Melodie steigen – eine, die nur bei Mondlicht spielte.“ Eine poetische Umschreibung für das Eintauchen in eine vertraute, sehnsüchtige Atmosphäre.
Der Kontrast zwischen den beiden Hauptfiguren, Hana und Kei – Magie gegen Wissenschaft – ist in WATER MOON nicht nur erzählerisch reizvoll, sondern trägt fast schon philosophische Züge. Die Frage nach freiem Willen und der Bedeutung von Entscheidungen zieht sich, ähnlich wie die Mystik, wie ein roter Faden durch das Buch.
Romantisch verträumt
WATER MOON zeigt, dass Poesie, Philosophie und japanische Kultur in all ihren Facetten ein modernes Werk erschaffen können, das weit mehr ist als bloß ein Traum – es lädt zum Innehalten und Nachdenken ein.
Die Autorin entführt ihre Leser mit ihrer Sprache in eine Welt, die Raum lässt – Raum, den eigenen Gedanken zu folgen, sich von der Magie tragen zu lassen und eine neue Tiefe in sich selbst zu entdecken.
Dieses Buch sei all jenen ans Herz gelegt, die gerade dunkle Zeiten durchleben und Heilung suchen – oder all jenen, die einfach gerne träumen.
LILI SCHMIRGAL
Autorin Samantha Sotto Yamabao
Verlag: Penguin Random House
Seitenzahl: 415 Seiten
Verkaufsstart: veröffentlicht