Kopfgeldjäger, Klingen und Killer
Aus China erreicht Deutschland ein Manhua, der schon im Vorfeld die höchsten Lorbeeren sammelt: Xu Xianzhes episches Historienabenteuer DIE KLINGEN DER WÄCHTER startet als Reihe bei Chinabooks. Das Erstlingswerk des Autoren heimst zu Recht Lob ein, denn es macht vieles anders.
Ein großmäuliger Kopfgeldjäger namens Daoma kommt im China des frühen 7. Jahrhunderts im Wirtshaus eines scheinbar harmlosen Familienmannes unter. Die Familie ist notleidend, weil der lokale Stadthalter die Steuern ständig erhöht und der Familie den Wasserzugang verweigert.
Doch anstatt der Familie zu helfen, hat Daoma einen Auftrag zu erfüllen. Und überhaupt, mit welchen Mitteln will die bettel- arme Familie Daoma für seine Dienste bezahlen?
Wo andere Action-Abenteuer den Antihelden als gebrochen, wortkarg, aber mit großem Ehrgefühl darstellen, ist die Hauptfigur in DIE KLINGEN DER WÄCHTER eine erfrischende Neuinterpretation des harten Kerls mit weicher Schale. Daoma ist, wenn überhaupt, nämlich ein harter Kerl mit harter Schale. Und so unternimmt das derzeit hohe Wellen schlagende Werk des chinesischen Comic-Künstlers Xu Xianzhe den erfolgreichen Versuch, ein ganzes Roster an interessanten und gänzlich moralisch grau gehaltenen Figuren vorzustellen.
Da wäre zunächst Daoma selbst: Ständig auf der Suche nach dem nächsten Steckbrief zieht er durch das China der Sui-Dynastie, meuchelt gleichermaßen seine Ziele und die, die ihm auf der Reise zu seinem Ziel im Weg stehen. Stets einen kessen Spruch auf den Lippen, stellen ihm alsbald die Schergen des Kaisers nach, und er bekommt selbst ein großes Bündel Gold auf seinen Kopf ausgesetzt. Daoma als der typische, schmierige Landstreicher ohne Gewissen?
Weit gefehlt, denn er ist auch liebender Vater seines kleinen Sohnes Xiaoqi, der ihn ständig auf seinen Reisen begleitet und nur mal eben kurz die Augen schließen muss, wenn sein Vater seinem Handwerk nachgeht. Als Daoma den Auftrag erhält, einen aufrührerischen Rebellen namens Zhishilang in die Hauptstadt zu eskortieren, macht sich der Leser auch schnell von diesem Charakter ein allzu bekanntes Bild: Anführer einer terroristischen Vereinigung und das Gesicht hinter einer dämonisch anmutenden Maske versteckt. Also noch so ein Badass? Mitnichten, denn Zhishilang ist auf den Reisen weinerlich, unvorsichtig und primär von sich selbst überzeugt.
Die Liste an illustren Figuren ließe sich so noch eine Zeit lang weiter fortführen. Auf dem langen Weg in die Hauptstadt begegnen Daoma eine doppelzüngige Dirne, ein – dieses Mal wirklich sehr schweigsamer – Schwertkämpfer und viele weitere Figuren, die Daoma zwar nie an Coolness überholen, ihm und der Handlung dann aber doch den nötigen Tiefgang verleihen, der DIE KLINGEN DER WÄCHTER zu einem Pageturner macht.
Auch Daomas Feinde,und derer sind es zahlreiche, erscheinen vielfältig: Mal sind es türkische Sklaventreiber, mal ein indischer Kult, der ihm ans Leder will. Entgegen der tendenziell isolationistischen Herangehensweise, die viele dieser historischen Schwert-und-Schlachten-Comics verwenden, öffnet Künstler Xu Xianzhe seine Welt auch durch einen im Exil, außerhalb des chinesischen Reiches lebenden Protagonisten nach außen und porträtiert nicht nur das China der Zeit, sondern ein globales System aus Schurken, Schergen und Scharmützeln. Das gibt der Handlung einen gekonnt epischen Touch, der auch von den begleitenden Erklärungen zur Dynastie der Zeit sowie zu Glaubensvorstellungen dieses alten Chinas begleitet wird.
Dass in einer solch epischen Story auch die Schwerter klirren, ist denkbar, doch schafft Xu Xianzhe hier einen wohlüberlegten Mittelweg, der seinen Comic nicht mit Blut und abgetrennten Körperteilen überfrachtet, sondern stets Charaktere und Konflikte in den Mittelpunkt stellt. Kocht eins dieser beiden über, kommt es eben zum Kampf, und das wirkt weder als Mittel zum Zweck noch beiläufig dazu gedacht. Nimmt man die immer wieder verstreuten übernatürlichen Sentenzen dazu, die sich in den beiden Bänden nur an einigen wenigen Stellen offenbaren, dann ist der Vergleich zu ähnlichen Action-Epen wie “Berserk” nicht weit hergeholt – ergreifende Figuren, fette Action und ein gekonntes Gespür für Dramaturgie machen DIE KLINGEN DER WÄCHTER zu einer Reihe, die jeder Fan der asiatischen Comic-Kunst im Auge behalten sollte.
Weitere Infomationen: www.manhua.ch
OLIVER MOISICH
Autor/Zeichnungen: Xu Xianzhe
Verlag: Chinabooks
Seitenzahl: 276
Autor/Zeichnungen: Xu Xianzhe
Verlag: Chinabooks
Seitenzahl: 264
Autor/Zeichnungen: Xu Xianzhe
Verlag: Chinabooks
Seitenzahl: 266