Thriller- Highlight zum Jahresanfang
Ein Thriller von großer Wucht und seltener Geduld: OXEN. INTERREGNUM führt Jens Henrik Jensens Ausnahmereihe zu einem vorläufigen Höhepunkt, der nichts zuschnürt, sondern öffnet. Politisch hellwach, psychologisch präzise und erzählerisch gekonnt entfaltet sich ein Roman, der seine Sprengkraft langsam, aber unaufhaltsam entwickelt.
Jens Henrik Jensen gehört zu jenen Autoren, deren erzählerische Autorität nicht aus Effekten, sondern aus Erfahrung erwächst. Über zwei Jahrzehnte lang arbeitete er als Journalist bei einer der bedeutendsten Regionalzeitungen Dänemarks, bevor er sich ab den späten neunziger Jahren mit seinem Romandebüt „Welt ohne Seele.“ der Literatur zuwandte. Diese Herkunft ist seinen Romanen bis heute eingeschrieben: der Blick für Strukturen, für Machtverschiebungen, für das, was unter der Oberfläche politischer Rhetorik arbeitet. Spätestens mit der 2012 in Dänemark gestarteten OXEN-Reihe fand Jensen zu jener Form, die Kriminalroman, politischen Thriller und psychologische Studie nicht nur kombiniert, sondern organisch miteinander verschränkt. Hierzulande musste Lesende jedoch erstmal stolze sechs Jahre warten bis der dtv-Verlag die Reihe auch nach Deutschland brachte. Seither ist der Münchner Traditionsverlag die Heimat der beeindruckenden Reihe, die sich auch bei uns zu einer bemerkenswerten Erfolgsgeschichte entwickelte.
Die Reihe selbst ist ein Sonderfall moderner Spannungsliteratur. Was formal betrachtet kaum funktionieren dürfte – die Verbindung von Ermittlungsarbeit, geopolitischer Analyse und tiefgehender Figurenzeichnung – entfaltet hier eine fast zwingende Logik. Die ersten drei Bände bildeten eine geschlossene Bewegung, weitere Romane öffneten den Kosmos, erzählten eigenständig und doch eingebettet in ein größeres Gefüge. OXEN. INTERREGNUM steht nun an einem Punkt, an dem sich Linien bündeln, ohne sich zu glätten.
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Im Zentrum steht erneut Niels Oxen, eine Figur, die sich im Verlauf der Reihe radikal verändert hat. Als ehemaliger Elitesoldat, gezeichnet von Kriegserfahrungen und einer posttraumatischen Belastungsstörung, war Oxen lange ein Mensch im Rückzug, misstrauisch gegenüber Nähe, unfähig zu stabilen Bindungen. Jensen hat diesen Zustand nie romantisiert. Oxens Verletzungen sind nicht dekorativ, sie strukturieren sein Denken, seine Entscheidungen, seine Isolation. Gerade darin liegt die Glaubwürdigkeit dieser Figur.
Der Auslöser der Handlung ist von klassischer Klarheit und moderner Brisanz zugleich: Axel Mossman, Chef des dänische Inlandsnachrichtendiensts Politiets Efterretningstjeneste (PET) , konfrontiert Oxen und Margrethe Franck mit einer schokierenden Information: der eigentlich zerschlagen geglaubte geheime Machtzirkel Danehof nimmt erneut Form an. Was als letzter, kontrollierter Einsatz beginnt, kippt jedoch rasch. Ein zentraler Akteur des neuen Netzwerks wird tot aufgefunden, und mit diesem Ereignis geraten Abläufe in Bewegung, die sich nicht mehr stoppen lassen. Oxen erkennt, dass seine Ermittlungen längst Teil einer Kettenreaktion geworden sind, deren Folgen weit über nationale Grenzen hinausreichen …
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Jensen spannt mit OXEN. INTERREGNUM ein dichtes Geflecht aus Spionage, digitaler Überwachung, künstlicher Intelligenz und modernster Cybertechnik. Internationale Abhängigkeiten, ökonomische Interessen und politische Machtspiele greifen huer ineinander. Der Roman verlangt Aufmerksamkeit, er verweigert die schnelle Auflösung. Stattdessen lässt er seinen Figuren Raum, sich zu entfalten, zu scheitern, sich neu zu positionieren. Gerade diese erzählerische Geduld erweist sich als große Stärke.
Besonders eindrucksvoll arbeitet Jensen die Dynamiken eines globalisierten Kapitalismus heraus, in dem wirtschaftliche Machtkämpfe politische Stabilität unterhöhlen. Die Welt, die hier gezeigt wird, gerät nicht durch einen einzelnen Akt aus dem Gleichgewicht, sondern durch das Zusammenspiel vieler scheinbar rationaler Entscheidungen. OXEN. INTERREGNUM ist in diesem Sinne kein lauter Thriller, sondern ein hochkonzentrierter, leise eskalierender Roman.
Man darf gespannt sein, wie Jensen das im nächtens Band toppen möchte.
PETER ELWE
Autor: Jens Henrik Jensen
Seiten: 608 Seiten
Verlag: dtv