Blut geht – auch aus dem Tetrapack
Juliette Suzuki ist zurück. Mit ihrer Liebeskomödie „Kamisama Kiss“ – erschienen bei Tokyopop – verzauberte sie bereits deutsche Shōjo-Schmachtfetzen und legt nun mit SÜSSE BISSE nach. Der deutsche Verlag Loewe bringt mit „Süße Küsse“ eine pazifistische Otaku-Vampirin, die weder Blut noch Macht möchte – sondern nur ihren fiktiven Schwarm bis in die Ewigkeit lieben will.
Hina Arukado – im Japanischen ausgesprochen klingt ihr Nachname wie Alucard, eben Dracula rückwärts – ist eine Vampirin und lebt mit ihrem Vater in Rumänien. Allerdings hat sie keine Lust, das Anwesen zu verlassen. Menschenblut findet sie furchtbar, und überhaupt – seit ihr Vater ihr die Anime-DVD „Vampire Cross“ geschenkt hat, frönt sie lieber ihrer Leidenschaft für die Figur Mao. Blut schmeckt ohnehin besser aus dem Tetrapack, stilecht mit Strohhalm. Wenngleich ihr Vater sich mächtig freut, dass seine liebste Tochter endlich ein wenig Interesse für die Außenwelt zeigt, macht er sich Sorgen, als sie eines Tages beschließt, nach Tokio zu ziehen – der Hauptstadt aller Otakus. Dabei wünscht er sich nichts mehr, als dass Hina endlich einen Partner findet.
In Tokio angekommen, kauft sie Merch, Sticker, Kissen, Poster und Aufsteller ihrer Lieblingsfigur und versäumt kein Event rund um ihren Anime. Welch Glück, dass viele Events auch nachts stattfinden. Ihr neuer Nachbar – Kyuta Amanatsu – sieht dem geliebten Mao zum Verwechseln ähnlich. Aber Kyuta ist ein Anime-Skeptiker und ein Vampirhasser. Dennoch freunden sich die beiden an – nicht zuletzt, da Hina Kyuta von einem Vampir befreit. Immerhin gehört sie zum obersten Rang ihrer Rasse, und was sie sagt, ist mehr Gesetz als Befehl. Langsam kommen sich Kyuta und Hina näher – dabei stolpern sie durch süße Fettnäpfchen, aber auch in das ein oder andere Geheimnis.
Popkultur mit Stil
Die Otaku-Szene in Japan wird ausgeprägt gelebt. Themen-Cafés, spezielle Events mit Signierstunden beliebter Synchronsprecher oder einfach nur Los-Events für besondere Serien – das Herz eines jeden Fans schlägt in Japan höher. „Süße Bisse“ greift dieses Konzept auf und verleiht Vampirin Hina – trotz ihres einfachen Designs – einen besonderen Charakterzug. Sie hält wenig vom Dominieren der Menschen, sieht sie nicht als Nahrung und tauscht sich allzu gerne mit Fans zu „Vampire Cross“ aus – lässt dabei oft wenig Vorsicht walten. Die Außenwelt ist ihr – wie so manch einem Nerd – fremd.
Aber wozu hat man einen mächtigen Vampirvater, der selbst von Rumänien aus böswillige Charaktere aus ihrem Leben bannen kann?
Ihre großen Kulleraugen und ihre kindliche Statur lassen sie schwach und schutzbedürftig erscheinen, aber das ist die knuffige Vampirin nicht. Sie rettet Kyuta vor einem Artgenossen und wirkt dann erstaunlich erwachsen und wird von einer schwarzen, furchteinflößenden Aura umgeben, nur um im nächsten Moment wieder unschuldig zu grinsen.
Kyuta ist der typische Shōjo-Schwarm – oder auch nicht. Mit lässigem, modernem Look – im starken Kontrast zu Hina, die wenig auf Kleidung gibt – und einer perfekt gestylten Mähne wäre er wahrlich hübsch, aber sein Charakter lässt zu wünschen übrig. Er ist ruppig, teils beleidigend, und erkennt erst mit der Zeit, dass Hina kein böses Wesen ist.
Suzuki punktet einmal mehr mit ihren zarten Linien, mit denen sie ihren Figuren Leben einhaucht. Hintergründe verschwimmen und lassen Platz für die Interaktionen der einzelnen Figuren. Selbst ein ganzer Freizeitpark mit seinen Fahrgeschäften rückt in ein stummes Rauschen, als Hina sich neue Freunde auf ungewöhnlichen Pfaden ergattert. Diese differenzierte Gestaltung wird abgerundet durch die hervorragende Mimik der Akteure – von Hinas niedlichem Lachen über Kyutas Schmollmund bis hin zu des Vaters Nervenzusammenbrüchen –, ob ernst oder lustig, die Ausdrücke tragen nicht selten zur Situationskomik bei.
Fazit
SÜSSE BISSE ist ein leichtfüßiger, witziger Genremix, der sowohl romantische als auch popkulturelle Fans anspricht. Die Dynamik zwischen Hina und Kyuta, verbunden mit nerdigen Kontrasten, schafft eine erfrischende RomCom-Atmosphäre. Wer schon Fan von „Kamisama Kiss“ oder Animes mit Humor und Herz ist, findet hier genau die richtige Portion süßer Bisse und nerdiger Brisanz.
Aktuell sind die ersten sechs Bände erschienen, der siebte ist für den 12. März 2026 angekündigt.
LILI SCHMIRGAL
Autor und Zeichner: Juliette Suzuki
Seiten: 168 Seiten
Verlag: Loewe Verlag