Überleben und Leben
Was eine tapfere Samurai ist, für die ist selbst die blutigste Schlacht nicht blutig genug – oder es gibt einfach keine starken Gegner, die sie überhaupt bluten lassen. Keigo Saitō schickt seine Heldin auf der Suche nach mächtigen Gegnern – mit Gottes Hilfe – in eine andere Welt und stellt nicht nur die Tradition der Samurai ordentlich auf den Kopf.
Ginko ist eine junge Samurai – ja, eine Frau mit Rüstung, Schwert und Ehrenkodex –, die die Schlacht um Sekigahara überlebt. Sie ist so stark, dass sie niemals einen würdigen Gegner hat finden können. In ihrer Verzweiflung wendet sie sich an den allmächtigen Buddha, und da es wahrscheinlicher ist, dass sie alt und grau stirbt, bevor ein würdiger Gegner erscheint, bittet sie ihn um Hilfe.
Doch statt eines Duells – oder eines ehrenvollen Todes – findet sie sich in einer Fantasy-Welt mit Drachen, Dämonen und Rittern wieder. Hier soll sie endlich die Chance bekommen, das zu finden, was sie seit ihrer Kindheit vergeblich sucht – einen Kontrahenten, der ihrer Zeit und ihren Fähigkeiten würdig ist –, wenngleich das selbst in einer Vorhölle mit magischen Kreaturen alles andere als leicht ist.
Isekai trifft Rurouni Kenshin
ISEKAI SAMURAI erinnert stilistisch an alte japanische Holzschnitte. Die Linien wirken kratzig, aber nicht unklar. Keigo Saitō nutzt eine Mischung aus zarten Strichen, kombiniert mit dicken Linien, um seine Figuren in den Vordergrund zu stellen – ähnlich wie im Werk „Rurouni Kenshin“ von Mangaka Nobuhiro Watsuki. Auch Schattierungen setzt er mit Bedacht ein und nutzt sie vorwiegend in Kampfszenen – die in seinem Werk zahlreich zu finden sind und Ginkos Stärke recht schnell über die Panels tanzen lassen.
Weniger ernsthaft – dafür umso niedlicher – sind die chibi-haften Einlagen, gerade wenn Ginko in ihrer Verzweiflung um einen Kämpfer, ihrer Künste würdig, die Fassung verliert. Oder aber, wenn sie sichtlich schockiert über die Schwäche eines angeblich starken Ungeheuers ist – da starrt selbst die stärkste Heldin mit Knopfaugen in das unendliche Nichts.
Ein bisschen Geschichte bitte
Die Reise der kühnen Heldin beginnt in der Sengoku-Zeit – obwohl Ginko eine Frau ist, sieht sie sich als Samurai –, was tatsächlich keine Erfindung des Mangaka ist. Weibliche Samurai – bekannt als Onna-Bugeisha oder Onna-Musha – gehörten zur Kriegerklasse. Überlieferungen gehen bis in die Heian-Zeit – also bis 794 – zurück. Frauen aus Kriegerfamilien erhielten ein Kampftraining, um im Kriegsfall als letzte Verteidigungslinie zu dienen.
Unter der Herrschaft der Tokugawa – zwischen 1603 und 1868 – wurden Frauen aus der Samurai-Klasse mehr auf häusliche Pflichten reduziert, wurden aber weiterhin für Verteidigungszwecke geschult. Erst die Meiji-Restauration (ab 1868) ließ die Samurai-Klasse gänzlich ihren Einfluss verlieren, und das Bild der Frau passte sich dem der westlich geprägten, patriarchalen Gesellschaft an – Haus, Hof und Kind standen im Vordergrund. Viele Onna-Bugeisha wurden verdrängt oder gar vergessen.
Onna-Bugeisha lebten nach dem Bushidō – dem Ehrenkodex der Samurai. Er ist nicht weniger als ein Bollwerk an moralischen und sozialen Regeln. Mitgefühl, also die Fürsorge für Schwächere, Ehre – in diesem Sinne die Wahrung des eigenen Ansehens und der Familie – oder auch Mut und Tapferkeit in ausweglosen Situationen sind einige der Kernpunkte. Auch Ginko lebt in „Isekai Samurai“ nach diesem Prinzip. Ihre Kraft befähigt sie, Menschen zu beschützen, sie zeigt Respekt und strebt stets nach Perfektion und Gerechtigkeit.
Keigo Saitō schafft es mit ISEKAI SAMURAI nicht nur, die vergessenen Onna-Bugeisha zurück in das Bewusstsein zu holen, er schlägt eine Brücke zwischen Popkultur und einer ganzen Gruppe vergessener Heldinnen des alten Japans – gepaart mit Fantasiewelten, die auch aus europäischen Gefilden kommen können und ihre ganz eigenen Versionen des Heldenmythos feiern.
Fazit
ISEKAI SAMURAI verbindet harte Samuraitradition mit Fantasy-Action und Situationskomik. Ginko ist eine mitreißende Protagonistin – voller Ehre, Stärke und skurrilem Todeifer. Der Stil überzeugt in beiden Polen: ernsthafte Kämpfe und humorvolle Zwischenspiele. Für Fans von „Blade of the Immortal“ & Co., die gleichzeitig ein modernes Isekai mit hohem Actionfaktor suchen, ist dieser Titel ein echtes Highlight.
Aktuell sind die ersten drei Bände erschienen. Band vier soll im Mai 2026 auf den Markt kommen.
LILI SCHMIRGAL
Zeichner: Keigo Saitō
Seiten: 196 Seiten
Verlag: Loewe Verlag