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Starke Frau mit nervigem Schuppentier

Drachen gelten als mächtige, starke Wesen – manche Kulturen kennen sie als Unheilsbringer, andere als Glücksbringer. In DON’T KISS THE DRAGON ist er vor allem eines – ein Nervenzwerg mit der Lizenz zum Größenwahn. Künstlerin Irono („Strawberry Love“) erschafft mit ihrem neuen Werk einmal mehr eine ungewöhnliche Geschichte.

Sakura weiß sich zu verteidigen – selbst ein fliegender Eimer, der kurz davorsteht, ihren geliebten Ren mit Wasser zu benetzen, wird von ihr mit einer Stange im Flug aufgefangen. Beide sind „Drachenmenschen“ und eigentlich dazu bestimmt, ihre Heimatstadt vor mystischen Gefahren zu beschützen.

Aber Ren ist trotz seiner Herkunft nicht gesund – er leidet an einem sehr schweren Herzleiden, das ihn allzu oft an die Schwelle des Todes treibt. Sakura – die nichts lieber möchte, als all ihre Zeit mit Ren zu verbringen – ist untröstlich. Sie möchte ihm helfen – und begeht einen folgenschweren Fehler.

Sie beschwört einen alten, legendären und mächtigen Drachen, der – getrennt von seinen Körperteilen – von Rens Körper Besitz ergreift. Diese Entscheidung bereut auch er schnell, denn Rens Körper ist durch die Krankheit geschwächt – die Seele seines Wirtskörpers aber ist fortan versiegelt. Damit Sakura ihr Happy End bekommt, soll sie dem Drachen helfen, seine Körperteile wiederzufinden – immerhin will er seine wunderschöne Schuppenfigur zurück. Und so ganz nebenbei sucht er eine Braut – Drachen sollen ja nicht auf ewig selten bleiben. Sakura scheint ihm, nach einigen Schwierigkeiten, die Richtige zu sein. Aber sie kann gar nichts mit seiner arroganten Art anfangen, die Frauen nur als Mittel zum Zweck sieht.

Drachenhafte Kultur

Japans Mythen sehen Drachen als Schutzwesen, aber auch als absolut zerstörerische Kräfte. Anders als die westlichen Drachen, die leider oft als reine Monster dargestellt werden. Japan hat aus den schuppigen Gesellen ambivalente Figuren gezaubert – sie können Flüsse kontrollieren, Städte beschützen oder – wenn sie schlechte Laune haben – Menschen ins Unglück stürzen.

Die Idee der „Drachenmenschen“ erinnert an alte Vorstellungen von Shinto-Gottheiten – Kami –, die sich mit Menschen verbinden, um eine Balance zu schaffen und auf Erden zu wirken. Auch die Beschwörung des Drachen durch Sakura knüpft an traditionelle Rituale an, bei denen Menschen über Opfergaben oder Gebete Kontakt zu übernatürlichen Wesen aufnehmen – und sie betet ja für Rens Genesung, als ihr schuppiger Nervenzwerg erscheint.

Shōjo mal anders

Der Manga schlägt eine Brücke zwischen klassischer japanischer Folklore und modernen Elementen, etwa darin, dass Sakura sich als Beschützerin von Ren sieht – und nicht umgekehrt. Untypisch für einen Shōjo, in dem der Mann eigentlich das starke Geschlecht ist. Absolut Shōjo-lastig ist hingegen das Figurendesign. Sakura transportiert ihre Emotionen durch ihre großen, ausdrucksstarken Augen, die Wut, Zorn, Verwirrung, aber auch Zuneigung perfekt spiegeln. Ihre Körpersprache ist nicht weniger sportlich, sie wirkt oft wie eine aufgezogene Sprungfeder und ist überaus einnehmend.

Dem gegenüber steht Ren, der, bevor der Drache von ihm Besitz ergreift, fragil, ein wenig hager und zerknittert wirkt. Auch mimisch ist er das Gegenteil seiner energischen Kindheitsfreundin – sein Gesicht wirkt eher ruhig, man kann kaum erahnen, was er denkt, und er scheint ständig in Gedanken zu sein. Erst mit dem Drachen scheint wahres Leben in den kränklichen Körper zu fahren. Bewusst überzeichnet Irono den beseelten Ren: Seine Bewegungen werden drachisch ungezügelt und sein Gesicht ein Feuerwerk an Ausdrücken.

Wer Irono kennt, weiß, dass sie auf detailreiche Hintergründe verzichtet. Häuser, Bäume, Seen oder Blumen sind gut erkennbar gezeichnet, treten durch den Einsatz ihrer sanften Federführung aber hinter den Figuren zurück. So wirkt kein Panel überladen und lässt Raum, sich auf die verschiedenen Charaktere zu konzentrieren. Einzig wenn Magie im Spiel ist – immerhin reden wir von Drachen – setzt sie auf dicke Linien, die vor Licht und Schatten strotzen.

Fazit

DON’T KISS THE DRAGON ist mehr als eine romantische Fantasy-Komödie. Irono gelingt es, Mythologie, Humor und Drama zu einem stimmigen Gesamtwerk zu verweben. Die Geschichte von Sakura, Ren und dem Drachen ist nicht nur spannend, sondern auch emotional berührend.

Für Leserinnen und Leser, die sich für japanische Mythen, romantische Geschichten und ausdrucksstarke Zeichnungen interessieren, ist dieser Manga ein lohnender Einstieg. Er zeigt, wie moderne Mangaka alte Traditionen neu interpretieren und dabei eine Geschichte schaffen, die sowohl Jugendliche als auch erwachsene Leser fesseln kann.

LILI SCHMIRGAL

Titel: DON’T KISS THE DRAGON
Künstler: Irono
Land: Japan 2021
Seiten: 226
Verlag Deutschland: Loewe Manga