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Wie gewinnt man den Deutschen Buchhandlungspreis?

Einmal mehr hat DUDE'S COMIC CORNER aus Jena für das Jahr 2025 den Deutschen Buchhandlungspreis erhalten. Bereits 2023 wurde die Comic- und Mangahandlung mit diesem Preis ausgezeichnet. Nicht nur für Freunde der amerikanischen Comics ist DUDE'S COMIC CORNER eine Institution – auch Manga- und Sammelkartenspielfans finden hier ein Zuhause. Wie es zur Gründung kam und was diese Buchhandlung in „München Thüringens“ so besonders macht – das alles erzählt uns Stefan Kiel, Vater des Nerd-Herzens in Jena.

Was war die ursprüngliche Idee hinter der Gründung von DUDE'S COMIC CORNER?

Die ursprüngliche Idee entstand aus einer Mischung aus persönlicher Leidenschaft und beruflicher Erfahrung. Ich sammle selbst seit vielen Jahren Comics und weiß, wie teuer dieses Hobby sein kann. Der Gedanke, Comics selbst zu vertreiben, war daher schon lange präsent, aber zunächst eher ein Gedankenspiel.

Der entscheidende Schritt kam erst später, als ich meinen damaligen Job verlor und im Rahmen eines Sozialplans Zeit für Existenzgründungsseminare hatte. Ein Kollege brachte mich konkret auf die Idee, einen Comicladen zu eröffnen. Da ich zuvor viele Jahre im Einzelhandel und Onlinehandel gearbeitet habe und die meisten Prozesse kannte, habe ich beschlossen, es ernsthaft anzugehen. So entstand DUDE'S COMIC CORNER zunächst als Onlineshop mit dem Ziel, es besser und näher an den Kund:innen zu machen, als ich es selbst oft erlebt hatte.

Gab es einen bestimmten Moment oder Auslöser, der Sie dazu bewegt hat, den Laden zu eröffnen?

Ja, den gab es tatsächlich. Ich habe DUDE'S COMIC CORNER Anfang 2020 zunächst als reinen Onlineshop gegründet. Kurz zuvor wurde unser erstes Kind geboren und die gesamte Ware lagerte bei uns zu Hause, teilweise im Kinderzimmer.

Das Sortiment wuchs sehr schnell, da das Comic. und Mangageschäft schon damals sehr schnelllebig war. Mit einer kleinen finanziellen Unterstützung meines besten Freundes konnte ich das Angebot weiter ausbauen, auch um Merchandise. Spätestens da war klar, dass das zu Hause nicht mehr funktioniert, weder platztechnisch noch organisatorisch.

Parallel dazu kamen immer öfter Kund:innen direkt vorbei, klingelten und wollten Ware abholen oder sich das Sortiment anschauen. Das war ein deutliches Signal, dass sich Onlineshop und Privatleben nicht länger vermischen lassen.

In Jena sind die Mieten hoch, also stand ich vor der Entscheidung, ein Büro mit Lager zu mieten oder ein Ladengeschäft zu eröffnen. Der Gedanke, Onlinehandel und stationären Verkauf zu verbinden und Kund:innen einen echten Ort zu bieten, hat letztlich den Ausschlag gegeben.

Welche Herausforderungen mussten Sie in der Anfangsphase überwinden?

Die größten Herausforderungen lagen im praktischen Aufbau des Ladens. Ich kam aus dem reinen Onlinehandel und musste alles neu denken. Ladenplanung, Einrichtung, Warenpräsentation, Kassensystem und technisches Equipment waren vorher nicht vorhanden.
Gleichzeitig musste genug Sortiment vorhanden sein, damit der Laden nicht leer wirkt. Vieles lief über Ausprobieren und Lernen. Welche Abläufe funktionieren im stationären Handel und welche nicht.

Eröffnet habe ich im März 2021 mitten in der Corona-Pandemie. Als Buchhandel galt ich als systemrelevant und durfte öffnen, allerdings unter Auflagen. Eine klassische Eröffnung mit Event war nicht möglich.

Rückblickend waren es weniger existenzielle Krisen als vielmehr ein permanenter Lernprozess. Die eigentliche Herausforderung kam später, als das Arbeitsvolumen stark anstieg und klar wurde, dass langfristig Personal nötig ist.

DUDE'S COMIC CORNER ist nicht der einzige Laden den Comic-Fans in Thüringen besuchen sollten: Der schönste Laden in Thüringen

Wie haben Sie den Standort ausgewählt?

Die Standortwahl war weder reines Bauchgefühl noch eine klassische strategische Entscheidung. In Jena ist es generell schwierig, passende Geschäftsflächen zu finden. In diesem Fall ergab sich die Möglichkeit durch die Vormieterin und die Konditionen haben gepasst.

Ein strategischer Aspekt kam im Nachhinein dazu: Der Laden liegt nicht direkt im Stadtzentrum, wodurch weniger spontane Laufkundschaft entsteht. Stattdessen kommen viele Kund:innen gezielt vorbei, was für ein spezialisiertes Sortiment und weniger Personalvolumen gut funktioniert.

Dass es ein Eckgeschäft geworden ist und auch noch zum Namen passt, war ein zusätzlicher Bonus.

Was unterscheidet DUDE'S COMIC CORNER von anderen Comic Läden?

Rein optisch unterscheidet sich DUDE'S COMIC CORNER nicht stark von anderen Comic Läden. Die Einrichtung ist bewusst schlicht gehalten, mit Fokus auf Übersichtlichkeit.

Der eigentliche Unterschied liegt in der Haltung. Wir positionieren uns klar gegen rechts, gegen Diskriminierung und für ein respektvolles und menschenfreundliches Miteinander. Diese Haltung ist Grundlage unserer täglichen Arbeit.

Alle Mitarbeitenden handeln so, als wären sie selbst Kund:innen. Wir behandeln Menschen so, wie wir selbst behandelt werden möchten. Das gilt für Beratung, Kommunikation, Bezahlung und alle individuellen Wünsche.

Auch im Onlinehandel zeigt sich das. Bestellungen werden sorgfältig verpackt und transparent kommuniziert. Ein weiterer zentraler Punkt ist die Community Arbeit über unseren eigenen Discord Server. Der Laden ist dadurch mehr als nur Verkaufsfläche.

Nicht nur DUDE'S COMIC CORNER steht klar gegen RechtsUnser Review zu 100 KARTEN ÜBER RECHTSEXTREMISMUS.

Welche persönliche Leidenschaft steckt hinter Ihrem Konzept?

Hinter dem Konzept steht echte Begeisterung für die Produkte, sowohl bei mir als auch im gesamten Team. Jede Person bringt eigene Sammelgebiete und Interessen mit, die in Beratung und Alltag einfließen.

Meine persönliche Leidenschaft liegt bei Comics und Actionfiguren mit Schwerpunkt auf Marvel Figuren und Retro-Spielzeug aus den Achtziger und Neunziger Jahren. Andere Mitarbeitende haben ihre Schwerpunkte in Manga, Trading Cards oder Lego. Dadurch entsteht eine authentische und breite Beratung.

Gab es Comics oder Mangas, die Ihre Entscheidung beeinflusst haben?

Es gab keinen einzelnen Comic oder Manga, der direkt zur Entscheidung geführt hat, einen Laden zu eröffnen. Die Motivation entstand über viele Jahre hinweg.

Prägend war die frühe Begeisterung für Serien wie „Spider-Man“ oder „X-Men“ im Samstagmorgen-Programm sowie andere Zeichentrickserien. Daraus entwickelte sich nach und nach ein tieferes Interesse am Medium.

Wie hat sich Ihre eigene Beziehung zu Comics entwickelt?

In den Anfangsjahren habe ich fast ausschließlich Marvel Comics gelesen und gesammelt. Superhelden standen klar im Fokus.

Mit der Zeit hat sich mein Interesse erweitert. Heute lese ich kaum noch klassische Superhelden Comics, sondern vor allem Krimi und Fantasy Geschichten. Die Vielfalt des Mediums sorgt dafür, dass man immer wieder Neues entdecken kann.

Wie würden Sie den typischen Kunden beschreiben?

Einen typischen Kunden gibt es bei uns nicht. Die Altersstruktur reicht von Kindern über Jugendliche bis hin zu Erwachsenen und Senior:innen.

Die größte Kundengruppe liegt zwischen Mitte zwanzig und Mitte vierzig. Zusätzlich kommen Eltern und Großeltern, die Geschenke suchen oder Comics neu entdecken. Durch den DHL-Paketshop lernen auch viele neue Menschen den Laden kennen.

Gibt es einen Altersdurchschnitt?

Einen festen Altersdurchschnitt gibt es nicht, aber klare Schwerpunkte. Viele Kund:innen zwischen zwölf und zwanzig interessieren sich vor allem für Manga.

Die größte und kaufkräftigste Gruppe liegt zwischen Mitte zwanzig und Mitte vierzig und nutzt das gesamte Sortiment.

Gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern?

Der Konsum ist insgesamt ausgeglichen. Unterschiede zeigen sich eher bei den Genrevorlieben.

Im Manga Bereich gibt es eine größere weibliche Käuferschaft bei Romance und Boys Love Titeln. Männliche Kunden greifen deutlich seltener dazu. Insgesamt stehen individuelle Interessen im Vordergrund.

Was Ihr immer schon über das „Boy’s Love“-Genre wissen wolltet: Boy’s Love Is In The Air

Haben Sie viele Stammkunden oder Laufkundschaft?

Der Großteil unserer Kundschaft besteht aus Stammkund:innen. Klassische Laufkundschaft gibt es aufgrund der Lage weniger.
Durch den DHL Paketshop entsteht jedoch zusätzliche Laufkundschaft, die den Laden neu entdeckt.

Gibt es Trends bei Genres oder Titeln?

Trends entstehen häufig durch Filme und Serien. Neue Marvel oder DC-Veröffentlichungen sowie Serienstarts führen oft zu erhöhter Nachfrage.

Manga bleibt weiterhin stark, aktuell jedoch auf einem stabilen bis leicht rückläufigen Niveau, da viele Kund:innen bewusster auswählen. Dauerhaft erfolgreich sind Titel, die auch unabhängig von Trends überzeugen.

Wie wichtig ist Ihnen die Community?

Die Community ist für uns zentral, persönlich wie geschäftlich. Der Austausch über Discord schafft Nähe, Vertrauen und Transparenz.
Community ermöglicht ehrliche Kommunikation und Unterstützung, auch bei Lieferverzögerungen oder Problemen. Sie ist Fundament unseres Konzepts.

Organisieren Sie Events oder Lesungen?

Wir organisieren regelmäßig Events. Das größte ist unsere jährliche Jubiläumsfeier im März. Zusätzlich nehmen wir an branchenweiten Aktionstagen teil.

Eigene Lesungen im Laden sind bisher aus Platzgründen nicht erfolgt, Kooperationen mit externen Orten sind geplant.

Hat sich die Kundschaft verändert?
Es gibt eine natürliche Rotation an Kund:innen. Deutlich verändert haben sich jedoch die Erwartungen durch große Onlinehändler.
Wir setzen bewusst auf Transparenz, gebündelte Bestellungen und nachhaltige Abläufe. Unsere Kund:innen entscheiden sich für Qualität, Kommunikation und Vertrauen.

Wo sehen Sie DUDE'S COMIC CORNER in fünf Jahren?

Wir möchten weiterwachsen und uns als feste Größe etablieren, bewusst gesund und nachhaltig.
Größere Flächen, mehr Sortiment und mehr Personal sind denkbar. Konkrete Schritte werden schrittweise kommuniziert.

Gibt es Pläne für digitale Angebote?

Geplant ist die Einführung eines Newsletters sowie eine bessere digitale Darstellung unseres Abo Systems.

Marktplatzanbindungen sind denkbar. Ein Verkauf über Amazon ist ausgeschlossen. Weitere digitale Angebote werden geprüft, wenn sie sinnvoll sind.

Welche Rolle spielen Nachhaltigkeit und lokale Zusammenarbeit?

Nachhaltigkeit ist fest im Alltag verankert. Wir bündeln Bestellungen, arbeiten papierlos und vermeiden unnötige Transporte.
Lokale Zusammenarbeit ist mir wichtig. Ich engagiere mich in der Initiative Innenstadt, um Vielfalt und Lebendigkeit der Stadt zu erhalten.

Was raten Sie Menschen, die einen Comic Laden eröffnen möchten?

Mut zum Risiko, aber realistisch bleiben. Nicht alles zerdenken, sondern ausprobieren.
Ein klarer eigener Fokus ist entscheidend. Offenheit für Veränderungen ist wichtig. Leidenschaft braucht Struktur, Anpassungsfähigkeit und Haltung.

Das Interview führte LILI SCHMIRGAL,
Fotos SVEN'S BILDWERKE FOTOS

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