Düstere Geheimnisse auf Godstone Island
Mit THE OCCULTIST zeigt das spanische Indie-Studio DALOAR eindringlich, dass Horror-Gaming nicht zwingend laut und hektisch sein muss, um zu funktionieren. Stattdessen setzt das Spiel auf eine seiner stärksten Waffen: Atmosphäre.
Mit Spielen wie „Edna bricht aus“, „The Whispered World“ und „Deponia“ entwickelte sich Daedalic Entertainment Mitte der nuller Jahre zu einer der prägenden Spieleschmieden der deutschen Gaming-Landschaft. Heute positioniert sich das Hamburger Unternehmen ausschließlich als Publisher, der aufstrebenden Indie-Studios eine große Bühne bietet. Mit THE OCCULTIST rückt nun das junge spanische Entwicklerstudio DALOAR ins Rampenlicht – und setzt hier gleich ein ordentliches Ausrufezeichen.
In dem Spiel schlüpft man in die Rolle von Alan Rebels, der auf der Suche nach seinem verschwundenen Vater die abgelegene Insel Godstone Island betritt. Bis in die 1950er herrschte hier ein finsterer Kult mit dunklen Ritualen und schrecklichen Experimenten. Und auch heute regiert noch buchstäblich der Schrecken. Doch zum Glück ist Alan nicht irgendwer, sondern ein erfahrener Okkultist …

Albtraumhafte Stimmung
Wir haben also eine verlassene Insel, einen finsteren Kult und eine persönliche Suche. Sicherlich erfindet THE OCCULTIST bei dieser Prämisse das Rad, beziehungsweise das Gaming-Genre, nicht neu. Doch die Macher*innen nutzten die vertraute Grundidee großartig und liefern ein Game, das sich überraschend vielschichtig zeigt und eine ganz eigene Sogwirkung entwickelt.
Warum, das zeigt sich schon an den ersten Minuten, die deutlich machen, wohin die Reise geht. Hier haben die Entwickler*innen von DALOAR zweifellos von Klassikern wie „Silent Hill 2“ gelernt – auch THE OCCULTIST nutzt die Umgebung als Erzählinstrument für eine wunderbar albtraumhafte Stimmung. Der Handlungsort Godstone Island ist keine Ansammlung von Levels, sondern ein zusammenhängender, glaubwürdiger Schauplatz, bei dem jede Straße, jede Ruine, jedes verlassene Gebäude eine Geschichte erzählt. Ob neblige Straße, verlassenes Waisenhaus oder der heruntergekommene Vergnügungspark – jeder Flecken auf der Insel trägt zur Gesamtstimmung bei und hinterlässt einen bleibenden Eindruck.
Dazu setzt THE OCCULTIST seine Grundidee konsequent fort: Im Gegensatz zu vielen Genrevertretern verzichtet das Spiel vollständig auf eine eingeblendete Karte. Dieser bewusste Verzicht erzeugt eine produktive Reibung: Orientierung wird zur eigenen Aufgabe, Irrwege sind nicht nur möglich, sondern gewollt. Genau darin entfaltet sich eine besondere Stärke: Das Gefühl des Verlorenseins wird nicht behauptet, sondern spürbar gemacht. Man tastet sich voran, zweifelt, korrigiert den eigenen Kurs – und erlebt die Insel dadurch intensiver und unmittelbarer.

Gelungenes Gameplay
Türen öffnen sich nicht einfach – sie knarren. Schatten huschen nicht nur durchs Bild – sie lassen zweifeln, ob da wirklich etwas war. THE OCCULTIST versteht, wie Horror funktioniert: nicht durch permanente Schocks, sondern durch Erwartung, durch Spannung, durch das Spiel mit dem Ungewissen. Die Entscheidung für die Ego-Perspektive erweist sich dabei als genau richtig und verstärkt das Gefühl von Nähe und Verletzlichkeit noch weiter.
Spielerisch präsentiert sich das Ganze als Mix aus Exploration, Rätseln und übernatürlichen Konfrontationen. Gerade die Erkundung ist dabei der klare Star. Man durchstreift die Insel, sammelt Hinweise, kombiniert Informationen und setzt Stück für Stück das große Ganze zusammen. Dieses Gefühl, selbst aktiv zur Aufklärung beizutragen, erinnert angenehm an Gaming-Highlights à la „Resident Evil“ – allerdings mit deutlich stärkerem Fokus auf Atmosphäre statt Action.
Ein zentrales Gameplay-Element von THE OCCULTIST ist Alans Talisman. Dieses Artefakt ist mehr als nur ein Gimmick – es ist das Herzstück vieler Mechaniken. Durch ihn kann man verborgene Objekte und Hinweise sichtbar machen, was nicht nur clever integriert ist, sondern auch zum Experimentieren einlädt. Im weiteren Verlauf erweitert sich das Repertoire des Talismans übrigens noch deutlich: Zeitmanipulation, um beschädigte Objekte zu reparieren, das Herbeirufen eines Raben für entfernte Interaktionen oder sogar die Kontrolle von Ratten – was schöne Erinnerungen an den Kultfilm „Willard“ aufleben lässt.

Gelungener Schwierigkeitsgrad
Die Rätsel überzeugen durchweg mit klarer Logik und einem angenehmen Anspruch, der weder überfordert noch unterfordert. Der ausgewogene Schwierigkeitsgrad hält den Spielfluss konstant aufrecht, ohne ihn auszubremsen. Hier muss niemand abbrechen, um frustriert nach Lösungen im Internet suchen. Man bleibt mühelos im Geschehen, getragen von Neugier und dem Wunsch, weiter vorzudringen – genau so, wie es ein Spiel dieser Art erreichen sollte.
Komplett entspannt durchrätseln lässt einen THE OCCULTIST natürlich dennoch nicht, denn man ist in Godstone Island nie allein. Die Gegenspieler tauchen immer wieder abrupt auf und fügen Schaden zu, wenn sie Alan zu nah kommen.
Das Herzstück ist natürlich dennoch die Geschichte. Alans Suche nach seinem Vater entwickelt sich nicht einfach linear, sondern entfaltet sich schichtweise. Besonders gelungen ist dabei die Einbindung des Kults, der bis in die 1950er Jahre reicht und jede Facette des Spiels durchzieht. Diese erzählerische Tiefe erinnert stellenweise an den Gaming-Klassiker „Alan Wake“, in dem Realität und Übernatürliches ebenfalls ineinander verschwammen. THE OCCULTIST geht dabei jedoch seinen eigenen Weg und schafft es, trotz klar erkennbarer Einflüsse eine eigenständige Identität zu entwickeln.

Mehr als Untermalung
Auch audiovisuell liefert THE OCCULTIST eindrucksvoll ab. Hier wurde sichtbar investiert – und das zahlt sich aus. Mit Pepe Herrero hat man einen Komponisten an Bord geholt, der ein ebenso stimmungsvolles wie vielschichtiges Klangbild erschafft. Seine Kompositionen werden vom Bratislava Symphony Orchestra und einem echten Chor umgesetzt, was dem Soundtrack eine spürbare Wucht und Tiefe verleiht. Das Ergebnis ist mehr als bloße Untermalung, sondern verstärkt gezielt die Atmosphäre und setzt emotionale Akzente.
Besonders hervorzuheben ist der mehrfach ausgezeichnete Doug Cockle, der Alan Rebels seine markante Stimme leiht und der Figur damit eine greifbare Präsenz verpasst. Gaming-Fans dürfte seine unverkennbare Stimme bestens vertraut sein – etwa als Geralt von Riva in der „The Witcher“-Reihe oder als Bhaal in „Baldur's Gate 3“.

Fazit
THE OCCULTIST ist ein Spiel, das genau weiß, was es sein will – und das diese Vision konsequent umsetzt. Die Mischung aus intensiver Atmosphäre, durchdachter Erzählstruktur und kreativen Mechaniken erzeugt ein Erlebnis, das hängen bleibt. Fans von Horror-Games sollten hier nicht lange zögern.
Aktuell ist das Spiel digital für PlayStation 5, Xbox und PC zum Preis von 29,99 Euro verfügbar. Eine Umsetzung für die Nintendo Switch wurde bislang noch nicht offiziell bestätigt, wäre aber definitiv wünschenswert.
FLORIAN TRITSCH
Publisher: Daedalic Entertainment
Entwickler: DALOAR
USK: ab 16
Plattformen: PlayStation 5, Xbox, PC
Veröffentlichung: Bereits erschienen