Radu´s Gaming Corner: Of Ash and Steel
Erbe der GOTHIC Reihe, Hassliebe oder Totalausfall? Die Meinungen gehen hier sehr weit auseinander und ich habe selten ein Spiel erlebt, bei dem so unterschiedliche Meinungen auch komplett zutreffen. Es gibt viele Gründe OF ASH AND STEEL nicht zu mögen, aber auch einige, die mich fasziniert und gefesselt haben. Also Schwert gewetzt, Geduldsrucksack gegen Bugs geschnürt und ab ins Abenteuer.
Keine Zeit für den vollständigen Text? Hier einmal die Kurzversion: wer die GOTHIC Reihe damals geliebt hat und auch damit leben kann, dass man sich alles selbst erarbeiten muss (Orientierung in der Welt, stellenweise schwere Kämpfe und Bugs) sollte das Abenteuer wagen. Alle anderen sollten sich mehr damit beschäftigen und dann entscheiden, ob es sich für sie lohnt. Einen ersten Einblick gibt es für euch auf unseren YouTube Kanal.
Das Spiel atmet mit jeder Pore den Gothic Vibe; statt eines namenlosen Helden, schlüpft man in die Rolle des Kartografen Tristan, der sich einer Expedition zur Insel Grayshaft anschließt. Dort angekommen, wird seine gesamte Mannschaft überfallen und getötet. Als einziger Überlebender muss Tristan nun seinen Weg suchen, um zu Überleben. Dabei stolpert er direkt in politische Intrigen, Machtkämpfe und Gemeinschaften hinein, deren Geschichten es zu erleben gilt.
Man merkt bereits im Ansatz, dass man (wie bei Gothic) als arme Wurst ohne Ausrüstung, Kampferfahrung oder Orientierung herumläuft. Die vagen Beschreibungen zum nächsten Ziel von den NPC´s und die fehlende Karte machen den Spielstart nicht gerade einfacher. Auch die Tatsache, dass an jeder Ecke Viecher lauern, die innerhalb weniger Schläge Tristan aus den Latschen hauen passen sehr gut zur feindlichen Welt. Die ersten Spielstunden war ich mit (sehr viel) Laufen, Sterben und Sammeln beschäftigt. Auch einfache Quests waren alles andere als bequem, da ich entweder keine Orientierung hatte, oder ein Bug in die Dialogoptionen hineingegrätscht ist und die Quest zerstört hatte. Allerdings kann man mittlerweile in beiden Sachen Entwarnung geben, denn sowohl bei der Orientierung (durch Wegweiser), als auch bei den Bugs bleiben die Entwickler konstant am Ball und fixieren fleißig mit Patches.

In Sachen Atmosphäre (sehr schöne Spielwelt zum Verlieben), Grafik und Soundtrack (gelungener Mix aus Gothic und dem ersten Risen Teil) wird man sehr schön bedient. Die Gesichtsanimationen entgleisen zwar stellenweise, aber das ist für die Atmosphäre nicht schlimm. Übel ist dagegen, dass man keine Schnellreisefunktion hat und die Weltkarte erst im dritten Akt freischalten kann und vorher noch die zugehörigen Aussichtspunkte finden muss. Im Klartext: man ist viel mit Laufen beschäftigt, was stellenweise nervt und gleichzeitig dazu ermuntert, die Spielwelt zu erkunden und dadurch Geheimnisse, Loot und spannende Nebenquests zu entdecken. Dabei beweisen die Entwickler ein gutes Gespür für gute Geschichten. So findet Tristan beispielsweise im Wald eine Höhle mit einem Gitter, hinter der man ein menschliches Skelett sehen kann. Kein Hebel, kein Schlüssel, nur die Notiz eines Säufers. Trinkt man an dieser Stelle jedoch genug Alkohol, so verschwimmt die Umgebung und man kann durch die Gitterstäbe hindurch wandeln, um sich epischen Loot zu holen. Auf dem Rückweg muss man nur vorsichtig sein, dass man erst langsam den Kater auskuriert und nicht in eines der herumstreunenden Viecher hineinrennt. Meiner Meinung nach sehr geschickt gelöst. An einer anderen Stelle entdeckt Tristan eine verlassene Festung, die von religiösen Fanatikern besetzt wird. Davor sitzt ein alter Mann, dessen Tochter sich den Fanatikern angeschlossen hat und um die er sich (zurecht) sorgt. Also erledigt Tristan einige Botengänge, um das Vertrauen der Gruppe zu gewinnen. Das Ende der Geschichte hat mich jedoch mit einer eiskalten Gänsehaut zurückgelassen. Wie es ausgegangen ist? Hier sollte jeder seine eigene Geschichte schreiben, denn eine große Stärke von OF ASH AND STEEL ist die Tatsache, dass man Quests auf unterschiedliche Weise (beispielsweise mit Reden oder mit Kämpfen) lösen kann.
Nach mehreren Spielstunden habe ich mich einer Fraktion angeschlossen (man hat die Wahl zwischen den Soldaten in der Stadt und den Freien Jägern im Wald). Dabei hat es lange gedauert, um hochzuleveln. Attributspunkte verteilt man frei (z.B. auf Geschicklichkeit, Verständnis und Stärke), Fähigkeitspunkte kann man bei Lehrern investieren, um weitere Talente freizuschalten. So weit, so Gothic und genau an der Stelle entscheidet sich, ob man das Spiel durchzieht, oder es vorzeitig abbricht. Ich hatte ursprünglich Tristans Charakter als Kartograf geschätzt und entsprechend auf Verständnis und Handwerk geskillt. Macht Sinn, fördert auch die Atmosphäre, aber irgendwann kommt man an den Punkt, wo Kämpfen unausweichlich ist, um weiterzukommen. Neben dem Sammeln von Kräutern, kleinen Nebenquests und Dinge verkaufen, begann ich in der Arena der Stadt als Kämpfer etwas Geld zu verdienen, und bekam anfangs fürchterlich aufs Maul. Mit Rapier, einigen Schmuckstücken zum Boosten der Geschicklichkeit (Halskette, Ringe) und einigen hölzernen Kampfbewegungen tastete ich mich langsam voran. Und hier kommt der Punkt, der für mich ein echter Gamechanger war: irgendwann hatte ich genug Attributs- und Fähigkeitspunkte, und habe mich auf Einhandwaffen und Rapier spezialisiert. Das Ergebnis: mehr Ausdauer, größere Standhaftigkeit und zusätzlich freigeschaltete Spezialattacken, mit denen ich stellenweise meine Gegner in Grund und Boden stampfte. Gleiches galt auch (stellenweise) für einige wilden Tiere in den Wäldern, vor denen ich sonst immer geflohen war. Ich wurde nicht übermächtig, hatte aber das Gefühl, das Spiel endlich auch in seiner Tragweite und seinen Möglichkeiten langsam zu verstehen. Eine andere Hilfe dabei ist übrigens die Community, die zwar klein, aber mit viel Herzblut agiert. Sei es bei Quests, Fundorten (das größte Thema) oder Meldung von Bugs; hier wird man schnell fündig und findet auch meistens die Orientierung, die einem in dem Spiel fehlt.

Ein weiterer Gamechanger war die Tatsache, dass ich irgendwann auf Schlösserknacken umgestiegen bin. Dadurch habe ich viele Truhen ausgeräumt und einige Geldprobleme gelöst. Die Intelligenz der Stadtwache und der Bürger ist dabei ein zweischneidiges Schwert: einerseits kann man problemlos eine Truhe knacken, ohne bestraft zu werden. Andererseits sollte man nichts vom Tisch mitnehmen, weil man sonst sofort Stress mit den Leuten bekommt. Eine andere Situation ist es, wenn ich nachts durch die Straßen laufe und von Meuchelmördern überfallen werde. Die Stadtwache steht stumpf daneben und sieht zu, während ich zu einem blutigen Klumpen geprügelt werde. Mittlerweile kann ich mich sehr gut wehren und die Entwickler haben hier mittels Patch das Schlösserknacken automatisiert und Gegenstände, die man nicht stehlen sollte, rot markiert.
In Sachen Humor sind die Entwickler auch nicht zimperlich. Egal, ob jemand beim Kacken in der Wildnis von einem Tier gefressen wird, oder Tristan Meuchelmörder beleidigt („Eure Mutter muss eine große Vorliebe für Hobs gehabt haben, dass sie so etwas Scheußliches wie euch in die Welt geboren hat.“), hier standen der Humor von Gothic und Witcher definitiv als Pate an. Aber auch die Kämpfe machen Spaß und werden sehr schön animiert (blutige Stellen nach erfolgreichen Treffern). Auch wenn die meisten NPC´s sehr hölzern sind („Bauer“, „Bürger“ oder „Fischer“ sind ihre Namen) und die Straßen der Hauptstadt ein einziges Labyrinth sind, so kann man darüber hinwegsehen und sehr viel Spaß haben. Ich verfluche jedes Mal die langen Laufwege, ergötze mich jedoch gleichzeitig an der schönen Landschaft und entdecke immer neue Geheimnisse. Das zweischneidige Schwert zwischen Kniefall vor Old School Rollenspielen und harten Spielwelt/technische Mängel lässt mich seit vielen Spielstunden nicht wirklich los und ich freue mich bereits auf meine nächste Spielesession.
Fazit: Wenn OF ASH AND STEEL wenige Jahre nach Gothic 3 ( und bugfrei) erschienen wäre, so hätten wir problemlos ein Gothic 4 bekommen. Wir neigen aktuell dazu, die Reihe in den Himmel zu loben und ich freue mich auch schon sehr auf das Remake des ersten Teils. Allerdings hatte die Reihe damals auch große Probleme in Sachen Zugänglichkeit und Bugs (besonders der dritte Teil), konnte aber dafür mit Atmosphäre und tollen Geschichten punkten. Die Zeit hat Piranha Bytes in die Karten gespielt und es zum Kultspiel aufleben lassen. Ich wünsche den Entwicklern von OF ASH AND STEEL ebenfalls, dass man dieses Spiel für sich entdeckt und Jahre später vielleicht sogar herzerwärmend darüber erzählt. Ich glaube, dass weitere Patches das Spiel abrunden werden und viele Kritikpunkte dadurch wegfallen (es wurde bereits sehr viel verbessert).
Ich würde gerne noch mehr positives Feedback geben, aber ich habe leider keine Zeit mehr. Mein Tristan wartet bereits ungeduldig in den Wäldern, um die Minen auszukundschaften. Ich freue mich schon jetzt auf neue Abenteuer und hoffe, dass es noch den einen oder anderen Abenteurer gibt, der ebenfalls so viel Spaß an dem Game findet.
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