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Kein Experiment

Der Kampf der Geschlechter ist in der modernen Zeit einmal mehr entbrannt – wenngleich die Schlacht mehr in den sozialen Medien stattfindet. Die Diskriminierung, die mittlerweile in beide Richtungen reicht, zieht sich dennoch bis in den Alltag. Was aber wäre, wenn Frauen die Regeln machen würden und mehr Mitspracherecht im Weltgeschehen hätten als all die alten Männer, die außer sich selbst nichts im Blick haben?

Dass das keine theoretischen Gedankenexperimente sind, sondern gelebte Realität, stellt die BBC-Journalistin Megha Mohan in ihrem Sachbuch NIEMANDSLAND – GEMEINSCHAFTEN OHNE MÄNNER UND WAS WIR VON IHNEN LERNEN KÖNNEN dar. Dabei nimmt sie ihre Leser mit auf eine Reise zu Orten, an denen Frauen politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Verantwortung für sich übernehmen und eigene, auf sie ausgerichtete Lebensmodelle entwickeln – ja, geradezu erschaffen.

Mohan untersucht dazu nicht einzelne privilegierte Bevölkerungsgruppen, sondern beleuchtet unterschiedliche, von Frauen geführte Gemeinschaften auf mehreren Kontinenten. Von Südafrikas Regenköniginnen, die seit Generationen ein matrilineares Herrschaftssystem prägen, über die einstige finnische Fraueninsel „SuperShe Island“, die vor allem ein Luxusresort ausschließlich für Frauen war, bis hin zu Dörfern in Kenia, die Frauen Schutz bieten. Sie spricht mit Frauen aller Kulturen und sozialen Stände über Gewalt, Zwangsehen, gesellschaftliche und politische Ausgrenzung und darüber, was es heißt, als Frau ein selbstbestimmtes und den Männern gleichwertiges Leben führen zu können. Denn Frauen sind Menschen, ebenso wie Männer.

Umoja – eine besondere Reise

Aufschlussreich und zum Nachdenken anregend ist die Geschichte des Dorfes Umoja, dessen Name übersetzt „Einheit“ bedeutet. Gegründet wurde es 1990 von Rebecca Lolosoli und weiteren Frauen der Samburu-Gemeinschaft, die Gewalt und Diskriminierung nicht länger hinnehmen wollten. Was zunächst als Zufluchtsort für Betroffene begann, entwickelte sich zu einem Symbol weiblicher Selbstbestimmung. Die Bewohnerinnen verwalten ihr Dorf selbst, verdienen ihr Einkommen durch Handwerk und Tourismus und entscheiden gemeinsam über ihre Zukunft. Das Dorf existiert bis heute – und das 30 Jahre nach seiner Gründung. Mittlerweile gibt es ähnliche Projekte in ganz Afrika, die Frauen schützen und ihnen Selbstständigkeit ermöglichen – vor allem aber ein Leben ohne Angst.

Mohan beschreibt diese Gemeinschaften aber keinesfalls als perfekte Utopien – denn kleine Probleme gibt es immer. Aber anders als Frauen es durch Männer in ihren landeseigenen sozialen Strukturen kennengelernt haben, werden Konflikte nicht mit Gewalt gelöst, sondern friedlich, durch die stärkste Macht der Menschen: Worte. Die Autorin macht deutlich, dass viele dieser Orte aus konkreten Erfahrungen von Ungerechtigkeit entstanden sind und nach gerechten Lösungen für ein friedliches Miteinander suchen. Die Frauendörfer Kenias sind keine theoretischen Gesellschaftsmodelle, sondern Antworten auf reale Probleme. Dadurch gewinnen die geschilderten Geschichten eine besondere Glaubwürdigkeit und entwickeln eine ganz eigene, für sich sprechende Wucht.

Stil im Zeitgeist

Stilistisch überzeugt das Werk nicht weniger. Mohan verbindet mit Herzblut versehene journalistische Recherche mit persönlichen Begegnungen und lässt die Frauen selbst zu Wort kommen, ohne eine persönliche Wertung abzugeben. Dadurch entsteht ein vielschichtiges Bild über die Situation der Frau weltweit und darüber, was sie selbst bewegt und antreibt, um „ein gleiches Recht für alle“ zu schaffen. Einfache Antworten auf die komplexen (?) Fragen überlässt die Autorin aber dem Kopf des Lesers – obwohl es ja eigentlich längst Konsens sein sollte, in unserer modernen Zeit, dass Frauen ebenso Menschen sind wie Männer – da hilft Mohans Einladung zum Hinterfragen vertrauter Vorstellungen von Macht, Gemeinschaft und Geschlechterrollen.

NIEMANDSLAND – GEMEINSCHAFTEN OHNE MÄNNER UND WAS WIR VON IHNEN LERNEN KÖNNEN trifft den Nerv einer Zeit, in der „Tradwives“ auf Social Media die devote, umsorgende Frau spielen. Dabei verkennen nicht wenige Nutzer, dass sie mit ihrem Content aktiv Geld verdienen und nicht der Mann der alleinige Ernährer der Familie ist – und wer glaubt schon, dass sie für ihren hungrigen Sechsjährigen anfängt, Cornflakes zu backen oder selbst Medizin anzurühren – und dafür natürlich stets die unmöglichsten Zutaten zu Hause hat? Mal ehrlich – wer glaubt schon, dass jede Frau stets das perfekte Kraut gegen Husten, Schnupfen und Magenschmerzen zu Hause hat …?

So fangen wir wieder an, über Gleichberechtigung zu diskutieren und die damit einhergehende Zukunft sozialer Strukturen – Mohan nutzt ihr Werk und zeigt Menschen, die eben solche alternativen Modelle bereits leben. Manche im Buch dargestellten Beispiele mögen klein und in sich geschlossen erscheinen, aber sie zeigen dennoch, dass gesellschaftliche Regeln, Normen und Vorstellungen alles andere als selbstverständlich und unveränderbar sind – und vor allem nicht ausschließlich dazu dienen, einem Geschlecht Wohlwollen zukommen zu lassen.

Fazit

NIEMANDSLAND – GEMEINSCHAFTEN OHNE MÄNNER UND WAS WIR VON IHNEN LERNEN KÖNNEN ist ein klug recherchiertes, lebendig geschriebenes Sachbuch, das persönliche Schicksale mit großen gesellschaftlichen Fragen verbindet. Wer sich für Frauenrechte, soziale Innovationen und alternative Formen des Zusammenlebens interessiert, findet hier nicht nur faszinierende Geschichten, sondern auch eine inspirierende Erinnerung daran, dass Veränderung oft dort beginnt, wo Menschen den Mut haben, bestehende Strukturen zu hinterfragen. Am Ende bleibt die vielleicht wichtigste Erkenntnis des Buches: Gesellschaften sind menschengemacht und deshalb können sie auch neu gedacht werden.

Titel: NIEMANDSLAND – GEMEINSCHAFTEN OHNE MÄNNER UND WAS WIR VON IHNEN LERNEN KÖNNEN
Autorin: Megha Mohan
Verlag: Goldmann
Seiten: 350
Land: UK 2026

 

 

 

NIEMANDSLAND – GEMEINSCHAFTEN OHNE MÄNNER UND WAS WIR VON IHNEN LERNEN KÖNNEN, Megha Mohan