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Auf Wolfes Pfoten

Der Wolf – er bewegt seit Jahrhunderten nicht nur die Gemüter der Menschen, sondern ist als Sagengestalt in verschiedenen Formen in allerhand Märchen anzutreffen. Bis heute polarisiert die Fellnase die Gemüter, dabei ist er weder Feind noch Freund, sondern ein Lebewesen mit seinem jahrtausendealten Platz in der Natur – Grund genug für eine Reise.

Adam Weymouth geht in seinem Buch WOLFSPFADE auf Spurensuche – und das im wörtlichen Sinne. Über Berge, Wälder, entlang an befahrenen Autobahnen, über urige Dörfer bis hin zu den gesellschaftlichen und politischen Konflikten Europas – für die der Wolf gar nichts kann, aber doch mittendrin steht. Ausschlaggebend für seine Reise war der Wolf Slavc, der 2011 mit einem GPS-Halsband ausgestattet wurde und vom schönen Slowenien bis in das sonnige Italien spazierte. Jahre später nun will Weymouth eben jenen Pfaden folgen, die Slavc hinterlassen hat – eine Reise, die weniger eine Reise als vielmehr ein Ziel ist.

Was auf dem Buchrücken wie ein Reisebericht klingt, ist weit mehr als das. Der Autor nimmt seine geehrte Leserschaft mit auf die Pfotenstapfen eines Tieres, das Faszination und Schauer zugleich auslöst und doch – in domestizierter Form – als der beste Freund des Menschen gilt. Ist der Wolf doch nichts weniger als der Urahne des Hundes. Der Wolf Slavc wird zum unsichtbaren Reiseleiter, auf dessen Spuren sich Weymouth begibt, wobei er versucht, die Welt durch die Augen des Wolfes zu sehen. Die Schönheit der Natur mit ihren weiten Feldern, verschlungenen Waldpfaden, klaren Seen und doch mit ihren Strapazen. Denn Mücken und Zecken lieben leider alles, was warm durch ihre Reviere kreuzt.

Ein Mensch bewegt sich dabei freilich anders als ein Wolf – ein Mensch redet mit anderen Menschen, erlebt Geschichte, kann die Natur beobachten und sie wissenschaftlich einordnen sowie reflektieren – er kann vor allem zeigen, was der Fellball selbst nicht vermag: dass jedes Lebewesen ein Teil unserer Welt ist.

Wolfsschutz auf Schusters Rappen

Immer wieder wird der Abschuss von Wölfen in Medien aller Art diskutiert, sobald ein Schaf gerissen wurde. Potenziell „gefährliche“ Tiere werden getötet, um zu verhindern, dass sie auf den „Geschmack“ von Schaf oder Kuh kommen – dass aber alles stets zwei Seiten hat, erkennt Weymouth auf seiner Spur von Slavc.

Er spricht mit Forschern und Naturschützern, die die Rückkehr des Wolfes in weiten Teilen Europas wissenschaftlich einordnen und ihn als Gewinn sehen. Aber auch Landwirte kommen zu Wort, die den Wolf als reale und beängstigende Bedrohung für ihre Arbeit wahrnehmen – denn der Wolf weiß ja nicht, dass das Schaf eigentlich dazu dient, einer Familie den Unterhalt zu sichern. Diese reflektierten Gegenüberstellungen schaffen es, das komplizierte Thema rund um den Wolf sinnvoll und aus allen Perspektiven darzustellen, ohne den Leser in eine ideologische Ecke drängen zu wollen. Denn auch der Wolf ist weder gut noch böse – er ist vielschichtig wie die Geschichten und Märchen, die über ihn in der Welt erzählt werden.

Der Wolf ist vor allem das – ein Teil des natürlichen Ökosystems, über das der Mensch sich gerne erhaben wähnt, aber ebenso Teil davon ist. Die Verhaltensweisen der Wölfe, ihr Sozialverhalten, ihre Revierteilung und nicht zuletzt ihre Rudelgebundenheit machen sie zu besonderen Lebewesen, die – wie der Mensch – in ihren Strukturen und Rollen ihr Leben leben wollen und dürfen.

Von Problemen und Chancen

WOLFSPFADE ist nicht nur eine Reise, sondern auch ein Plädoyer für diese alten, märchenhaften Lebewesen – der Umstand, dass Weymouth allen Positionen in der Debatte um die Rückkehr des Wolfes ein Ohr leiht, schenkt dem Buch Glaubwürdigkeit und regt zum Nachdenken an. Für den Wolfsschutz besitzt WOLFSPFADE eine besondere Bedeutung. Das Buch zeigt, dass der Konflikt um den Wolf häufig stellvertretend für größere gesellschaftliche Herausforderungen geführt wird – von den Sorgen der Landwirtschaft bis hin zu politischen Debatten über den Wandel ländlicher Räume. Weymouth macht deutlich, dass viele Probleme nicht allein durch die Anwesenheit der Wölfe verursacht werden, diese jedoch oft zum sichtbaren Sündenbock werden.

Statt gegeneinander zu arbeiten, sollten Mensch und Wolf lernen, miteinander auszukommen – ebenso, wie er den Pfoten des Wolfes folgt. Die Überzeugung, dass der Wolf aus Europa nie mehr schwinden wird, trägt er mit sich und plädiert gegen eine erneute Ausrottung oder Verdrängung des Tieres. Wölfe, so lernt es der Leser, schützen Wälder, regulieren Wildbestände. Denn zu viele Pflanzenfresser zerstören junge Bäume und Sträucher; junge Wälder hätten ohne ihn keine Chance zu wachsen. Was der Wolf frisst, lässt er als Restkadaver zurück. Davon profitieren kleine Tiere wie Aasfresser, Füchse oder Raben – der Wolf sorgt also dafür, dass durch seine Anwesenheit verschiedene Lebewesen Nahrung finden. Durch das Fernbleiben – oder nur kurze Durchqueren eines Wolfsreviers – seiner Beutetiere können Pflanzen besser wachsen, und es können neue Rückzugsorte für kleine Arten entstehen.

Der Wolf macht also eigentlich das, wofür der Mensch selbst eine Lösung sucht – er schützt Wälder auf natürliche Weise. Warum also gelten Elefanten oder Tiger als schützenswerter als der Wolf, der ja mitten in Europa unter uns lebt und eine echte Chance für den Naturschutz sein könnte? Diese unbequeme (?) Frage muss sich der Leser von Adam Weymouth stellen lassen. Die Rückkehr des Wolfs wird von vielen Forschenden als Zeichen dafür gesehen, dass natürliche Prozesse wieder stärker wirken können. Der Wolf ist dabei kein „Retter der Natur“, aber ein wichtiger Baustein für funktionierende Ökosysteme.

WOLFSPFADE ist deshalb nicht nur ein Buch über Wölfe. Es ist ein Buch über unsere Beziehung zur Natur, über Vorurteile, Ängste und die Frage, welchen Platz wilde Tiere in einer modernen, vom Menschen geprägten Landschaft noch haben dürfen. Adam Weymouth gelingt eine kluge, menschliche und bemerkenswert undogmatische Annäherung an eines der faszinierendsten Tiere Europas. Wer sich für Natur, Umwelt oder die aktuelle Wolfsdebatte interessiert, findet hier eine ebenso nachdenkliche wie spannende Lektüre.

LILI SCHMIRGAL

Titel: WOLFSPFADE
Verlag: btb
Author: Adam Weymouth
Seiten: 412

 

 

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