Gestohlen ist gestohlen
Manche Bücher informieren – andere unterhalten – und dann gibt es diese, die beides meisterhaft miteinander verbinden. BEKLAUTE FRAUEN aus der Feder von Leonie Schöler ist so ein Werk. Die Historikerin und Journalistin nimmt ihre werte Leserschaft mit auf eine Reise durch die Geschichte und stellt dabei eine unbequeme Frage: Wie viele der großen Errungenschaften, die wir heute mit berühmten Männern verbinden, stammen eigentlich von Frauen, deren Namen vergessen oder bewusst verdrängt wurden?
Das Sprichwort sagt: „Geschenkt ist geschenkt, und wieder holen ist gestohlen.“ Viele Frauen schenken bis heute Männern ihre Lebenszeit und werden bestohlen. Sei es die unbezahlte Care-Arbeit für Kinder, (Schwieger-)Eltern oder für ihn selbst – sie opfern Zeit und erhalten im Gegenzug nichts. Im schlimmsten Fall ereilt sie der Tod, da der Mann es nicht wünscht, dass sie ihn ob all dieser Widrigkeiten verlässt. Bis heute werden Frauen durch Ehemänner, Kollegen oder gesellschaftliche Strukturen, die seit Jahrhunderten existieren, an den Rand gedrängt.
In ihrem Buch rückt Leonie Schöler Persönlichkeiten wie Rosalind Franklin, deren Arbeit entscheidend zur Entdeckung der DNA-Struktur beitrug, Lise Meitner, die wichtige Grundlagen zur Kernspaltung lieferte, oder Mileva Marić, deren Rolle bei Albert Einsteins frühen Arbeiten bis heute diskutiert wird, in den Mittelpunkt. Schöler diktiert dabei kein Geschichtsbuch, sondern sie erzählt und berichtet. Sie verbindet wissenschaftliche Fakten mit einer überaus lebendigen und für alle Gemüter zugänglichen Sprache. Keine einzige Biografie wirkt wie ein Zeitausschnitt, sondern alle zusammen fügen sich zu einem großen Bild. Am Ende entsteht die Erkenntnis, dass es sich nicht um einige wenige Ungerechtigkeiten handelt, sondern um ein System, das über Generationen hinweg funktioniert hat – und bis heute funktioniert.
Trotz des schweren Themas – Schöler verzichtet auf eine simple Schwarz-Weiß-Zeichnung der Geschichte –, obwohl sie männliche Zeitgenossen mit einem wachen, kritischen Auge betrachtet. Doch in den Grundfesten ihrer Schreibarbeit geht es um die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die diese Ausbeutung von Frauen möglich machen bzw. machten. Frauen hatten lange keinen Zugang zu Universitäten oder zu Bildung allgemein, konnten Arbeiten nicht unter ihrem Namen veröffentlichen oder wurden rechtlich und wirtschaftlich von Männern abhängig gehalten. Und wer sich auf TikTok umsieht, wird bis heute mittelalterliche Denkansätze finden wie: „Also wenn ich arbeiten gehe und mehr Geld verdiene als die Frau, hat sie einkaufen zu gehen, zu putzen und die Kinder zu verpflegen. Ich bin der Ernährer, sie soll für den Haushalt sorgen.“ Hmm, und wenn es umgedreht ist, also die Frau mehr verdient, bleibt es ja dennoch an ihr hängen, denn der Mann muss ja Karriere machen … hmm. In solchen Umfeldern war und ist es vorprogrammiert, dass die Leistungen von Frauen übersehen oder gar ihren männlichen Artgenossen zugeschrieben werden.
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Hochaktuell mit Wutfaktor
In einer Zeit, in der Männer sich in Foren darüber austauschen, wie sie ihre Freundinnen sedieren, um sie zu missbrauchen, in der Social Media mit den oben erwähnten mittelalterlichen Ansichten geflutet wird, fällt das Buch trotz der Tatsache, dass viele Biografien Jahrzehnte alt sind, in eine aktuelle Debatte um die Rechte und die Position der Frauen. In einigen Teilen der Erde werden Frauen sogar aus dem gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Leben verbannt – woanders mögen sie bitte wieder dünner werden – am besten nur noch Gerippe –, damit sie nicht mehr Platz im gesellschaftlichen Wirken einnehmen.
Gewiss nutzen Frauen Social Media und andere Plattformen, um zu sprechen, sich zu zeigen – sie sind heute sichtbarer, als es noch vor 100 Jahren der Fall war –, aber bis heute kämpfen sie um Anerkennung, Repräsentation und Chancengleichheit – und das in einer Zeit, in der wir mehr Wissen haben als jemals zuvor, und doch scheinen viele Menschen dümmer zu sein als noch vor 100 Jahren. Gerade weil manch testosterongesteuerter „Alpha“-Mann vermeintlich an „traditionelle“ Werte appelliert – Frauen an den Herd und Kinder bekommen –, würden wir auch so sprechen, wenn Männer Kinder bekommen könnten …?
Besonders eindrucksvoll ist, wie Leonie Schöler den sogenannten „Matilda-Effekt“ greifbar macht – das Phänomen, dass Leistungen von Frauen systematisch übersehen oder männlichen Kollegen zugeschrieben werden. Was zunächst wie ein historisches Randthema erscheint, entwickelt sich während der Lektüre zu einer grundlegenden Frage darüber, wie Gesellschaften Erinnerung gestalten. Wer entscheidet eigentlich, wessen Name in Schulbüchern steht? Wer wird zum Genie erklärt und wer verschwindet in den Fußnoten? Natürlich sind es oft Männer, die eben solche Entscheidungen treffen.
Ohne Wut wird kaum jemand aus den Seiten herausfallen, denn die Ungerechtigkeit, die bis heute in vielen Teilen der Welt gelebt wird, schmerzt und macht nicht wenige Frauen wütend. Die 4B-Bewegung – „Kein Sex, keine Männer, keine Kinder, keine Beziehung“ – aus Korea ist unlängst im Westen angekommen, und viele Frauen entscheiden sich bewusst gegen Männer, denn nicht wenige Vertreter des Geschlechts wollen vor allem eines nicht: Veränderung.
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Nicht immer neutral
Trotz aller akkuraten Recherche und Geschichte ist BEKLAUTE FRAUEN kein rein neutrales Werk. Die Haltung Schölers tropft aus jedem Buchstaben direkt in die Augen des Lesers. Es ist diese Leidenschaft, die dem Buch seine Stärke schenkt, aber gleichzeitig Neulinge in der Thematik abschrecken könnte. Doch macht das Buch sichtbar, dass Geschichte nicht nur aus Jahreszahlen und Ereignissen besteht, sondern aus Menschen – denn das sind Frauen –, deren Geschichten oft bewusst oder unbewusst ausgeblendet wurden.
Am Ende bleibt vor allem eine Erkenntnis zurück: BEKLAUTE FRAUEN erzählt nicht nur von Frauen, denen Ruhm und Anerkennung genommen wurden. Das Buch zeigt auch, wie viel Wissen, Inspiration und Geschichte verloren gehen, wenn ganze Gruppen aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden. Leonie Schöler gelingt damit ein ebenso unterhaltsames wie wichtiges Sachbuch, das zum Nachdenken anregt und den Blick auf die Vergangenheit nachhaltig verändert.
LILI SCHMIRGAL
Autorin: Leonie Schöler
Seiten: 416 Seiten
Verlag: Penguin Verlag