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Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

Nein, Deutsch wäre nicht um ein Haar die Amtssprache der USA geworden! Solche hartnäckigen Mythen und andere historische Anekdoten zur Beziehungsgeschichte zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten beleuchtet der Sammelband DIE DEUTSCHEN UND DIE USA. FREUNDE, FEINDE, FREMDE – EINE BEZIEHUNGSGESCHICHTE VOM 17. JAHRHUNDERT BIS HEUTE.

Im zeitlichen Umfeld des diesjährigen 250. Jahrestages der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung finden sich in den Verlagsprogrammen mehr Titel mit USA-Bezug als sonst. Dazu gehört auch ein kompakter Sammelband, der die deutsch-amerikanische „Beziehungsgeschichte vom 17. Jahrhundert bis heute“, so der Untertitel, beleuchtet. 

Die Sicht geht zurück bis in jene Zeit, als deutsche Aussiedler die Siedlung Germantown in Pennsylvania gründeten. Später war Gründervater Benjamin Franklin wegen der deutschen Masseneinwanderung nach Pennsylvania von einer Angst vor Überfremdung ergriffen. Allerdings bildeten die Deutschen dann erst zwischen 1850 und 1890 die zahlenmäßig größte Einwanderergruppe der Vereinigten Staaten – nicht zuletzt befeuert von der Auswanderungswelle nach der gescheiterten deutschen Revolution von 1848.

Viele der kurzen, meist nur 6 bis 10 Seiten umfassenden Kapitelchen drehen sich allerdings um die NS-Zeit oder die Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs: amerikanische Nazis der 1930er Jahre; US-Kriegsreporter, die die Befreiung von deutschen Konzentrationslagern dokumentierten; amerikanische GIs, die nach dem Krieg Kinder in Deutschland zeugten. Es ist aber auch eine Geschichte der beiderseitigen Beeinflussung, in beide Richtungen über den Atlantik wirkt. Etwa deutsche Einflüsse auf die US-amerikanische Küche oder auf die damals schnell aufstrebende Wirtschaft, mit bekannten Unternehmen wie Heinz, Levi Strauss, Goldman Sachs und sogar Steinway (Musikinstrumente, ursprünglich: Steinweg), die auf deutsche Einwandererfamilien zurückgehen. Es sind historisch-kulturelle Mikrokosmen, Anekdoten und Einzelschicksale, die natürlich immer nur einen Teil des sehr komplexe, über Jahrhunderte gewachsenen Gesamtbildes ausmachen. Zum eigenen Vertiefen der Thematiken regt aber der Anhang mit weiterführenden Leseempfehlungen und – im historischen Kontext immer sehr nützlich – einem Personenregister an.

Fast alle Autorinnen und Autoren des Bandes sind SPIEGEL-Redakteure, darum erwartet die Lesenden ein locker-journalistischer Ton statt eine tiefere geschichtswissenschaftliche Analyse – und das muss gar nichts Schlechtes sein. Es führt dann aber einerseits dazu, dass manches Detail im Dienste des „Infotainments“ nicht ganz so genaugenommen wird: Comic-Kenner wissen, dass die Figur Dagobert Duck nicht von Walt Disney, sondern von Carl Barks (als Teil der Disney-Comics) erfunden wurde. Andererseits werden manche Themen ein bisschen „Clickbait-mäßig“ behandelt: So wird etwa der eingangs erwähnte Mythos zur deutschen Fast-Amtssprache erst einmal als Frage formuliert („Stimmt es, dass…“), bevor Stefan Hungliger, Politikredakteur bei der wochentaz, mit der Wahrheit rausrückt. Nämlich dass es seinerzeit lediglich um eine Petition an das damals noch junge US-Repräsentantenhaus ging, dass Gesetze neben der englischen Fassung auch auf Deutsch publiziert werden sollten. Diese Petition scheiterte. Und es gab niemals eine Abstimmung über Deutsch als offizielle Amtssprache für die Vereinigten Staaten. Erkenntnisgewinn: check! 

Wieso aber ein deutscher Schauspieler, der in den 1980er Jahren mal ein (!) Jahr in den USA gelebt hat (die Rede ist von Joachim Meyerhoff, Jahrgang 1967), nun als eine Art USA-Experte interviewt wird, bleibt das große Geheimnis des Herausgebers. Die Erkenntnis, dass Meyerhoff noch heute manchmal Erdnussbutter kauft, ist zwar erfreulich für ihn, bereichert ein Sachbuch über deutsch-amerikanische Beziehungen allerdings so gar nicht. 

Damals wie heute gilt übrigens: Sich ein eigenes Bild von einem Land und seinen Menschen zu verschaffen bildet mehr als jede Buchlektüre.

FRANK KALTOFEN

Titel: DIE DEUTSCHEN UND DIE USA. FREUNDE, FEINDE, FREMDE – EINE BEZIEHUNGSGESCHICHTE VOM 17. JAHRHUNDERT BIS HEUTE
Herausgeber: Jochen Leffert
Verlag: Penguin
Seitenzahl: 272 Seiten

Spiegel, DIE DEUTSCHEN UND DIE USA. FREUNDE, FEINDE, FREMDE – EINE BEZIEHUNGSGESCHICHTE VOM 17. JAHRHUNDERT BIS HEUTE.