Wichtig und wuchtig
Mit MANGA – DER DEFINITIVE GUIDE liefert die renommierte Autorin Helen McCarthy ein ebenso fundiertes wie zugängliches Nachschlagewerk, das sowohl Neulinge als auch langjährige Fans der japanischen Comic-Kultur anspricht. Auf rund 350 Seiten entfaltet sich ein facettenreiches Panorama der Manga-Welt – von ihren historischen Wurzeln bis hin zu modernen Strömungen und Subgenres.
Helen McCarthy gilt als eine der wichtigsten westlichen Expertinnen für japanische Popkultur. Als Autorin, Kuratorin und Beraterin hat sie sich bereits in den 1990er Jahren intensiv mit Animes und Mangas beschäftigt. Dieses lange Fachwissen findet sich in jedem Buchstaben des Buches: McCarthy erklärt komplexe Zusammenhänge verständlich, ohne dabei in die abstrus vielfältige Nutzung von Fachwörtern zu schlittern – wenn, erklärt sie diese kurz und einfach. Ihre Leidenschaft für das Medium ist deutlich spürbar, gleichzeitig bleibt sie erstaunlich analytisch und sachlich. Bei der Komplexität dieses Popkultur-Phänomens ein absolutes Muss.
Inhaltlich ist der Guide breit aufgestellt. Ein zentraler Bestandteil ist die historische Entwicklung des Manga – von frühen Bildrollen und Holzschnitten über die Nachkriegszeit bis hin zum globalen Boom der Gegenwart. Alles wird erklärt und mit entsprechenden Bildern hinterlegt – eine Zeitreise in Buchform für uns alle, die die Anfänge nicht erleben konnten. Dabei scheut sie sich nicht, gesellschaftliche und kulturelle Einflüsse zu analysieren, die die Mangas im Laufe der Zeit geprägt haben – und bis heute prägen. Beim Flug durch die Seiten wird schnell klar, dass Manga weit mehr sind als bloße Unterhaltung: Sie spiegeln gesellschaftliche Werte, Konflikte und Trends wider.
Genres unter der Lupe
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den verschiedenen Genres und Zielgruppen. Klassiker wie Shōnen (für junge männliche Leser, oft actionbetont) und Shōjo (romantische Geschichten für ein weibliches Publikum) werden ebenso erläutert wie Seinen, Josei oder spezielle Abweichungen wie Mecha, Isekai oder Slice of Life. McCarthy geht auch auf weniger bekannte Genres ein, wie Ecchi, und zeigt, wie vielseitig und differenziert die Manga-Landschaft tatsächlich ist. Ergänzt werden diese Einblicke durch zahlreiche Beispiele verschiedener Werke und Künstler.
Mit kurzen, aber übersichtlichen Texten erschafft sie selbst für Lesemuffel einen Einstieg in die komplexe Welt der japanischen Popkultur. Illustrationen, Abbildungen verschiedener Manga-Cover und natürlich das ein oder andere Bild einer Manga-Seite runden das Werk optisch ab und unterstützen die Erläuterungen. Dadurch eignet sich das Buch sowohl zum Schmökern als auch als gezieltes Nachschlagewerk.
Für Fans, Interessierte oder einfach nur, um einen Überblick darüber zu bekommen, was Mangas eigentlich sind, eignet sich das Buch hervorragend – auch Lehrer und Eltern finden hier gewiss manche Antworten aus den japanisch verfremdeten Kinderzimmern ihrer Schützlinge. McCarthy baut mit ihrem Buch eine Brücke zwischen japanischer Kultur und dem westlichen Publikum. Hintergründe und Genres können verstanden und eingeordnet werden, ebenso wie die globale Entwicklung des Mediums als Geldmaschinerie und Kontroversentreiber.
Fazit:
MANGA – DER DEFINITIVE GUIDE ist ein liebevoll gestaltetes und inhaltlich starkes Standardwerk. Wer Manga nicht nur lesen, sondern auch verstehen möchte, findet hier einen idealen Einstieg – und selbst erfahrene Fans werden noch neue Perspektiven entdecken. Gerade in einer Zeit, in der Manga weltweit immer populärer werden, bietet McCarthys Guide eine wertvolle Orientierung.
LILI SCHMIRGAL
Autor: Helen McCarthy
Verlag: Prestel