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Nichts ist wie es scheint

Mit P.S. ICH WILL DIE SCHEIDUNG liefert Iroto Tsumugi einen Manga, der auf den ersten Blick wie eine leichte romantische Komödie wirkt – dabei viel erotische Würze mitbringt –, sich jedoch schnell als vielschichtige Geschichte über gesellschaftliche Zwänge, persönliche Freiheit und Selbstfindung entpuppt. Höfische Konventionen und wie sie zu brechen sind, vermischen sich mit unterschwelligem Drama durchaus zu einem Werk, das zum Nachdenken anregt.

Konventionen sind für Byletta, die überaus talentierte und intelligente Tochter eines Viscounts, nichts weiter als Tinte auf einem Papier – ebenso wie ihre Ehe. Ihr Ehemann Arnald ist Sohn eines Grafen, aber seit 8 Jahren und dem Beginn ihrer Ehe hat sie ihn nie zu Gesicht bekommen. In seiner Abwesenheit hat sich die kluge Frau ein Imperium aus Schwertkunst und glänzenden Geschäften aufgebaut – dafür braucht sie keinen Mann, nur Verstand. Für sie steht fest: Am Ende des Krieges ist sie eine freie Frau und schickt Arnald einen Brief mit einem Scheidungsgesuch.

Aber Arnald, stolz und unnachgiebig, denkt nicht daran, sie ziehen zu lassen. Und das nicht ohne Grund – seine Frau ist als Bösewichtin und leichtes Mädchen verschrien, das sich all ihre Geschäfte erschlafen haben soll. So treffen sich beide nach acht Jahren erstmals im Schlafzimmer, wo er ihr ein Angebot unterbreitet: Er schlägt eine Wette vor: Gewinnt Byletta, gewährt er ihr die Freiheit. Verliert sie, bleibt sie für immer an seine Seite gebunden. Die Bedingung verschlägt der schlagfertigen Byletta jedoch den Atem: „Wenn ich dich innerhalb eines Monats schwängere, habe ich gewonnen.“

Sie willigt ein und in dem Glauben, sie sei längst bewandert im Umgang mit Männern, vollzieht er die Hochzeitsnacht und ist entsetzt, als er am nächsten Morgen feststellt, dass sie noch Jungfrau war – er muss lernen, dass Gerüchte oft nicht mehr sind als das und dass seine Frau eine fähige Gemahlin ist, die durch Freundlichkeit, Geschick und erlerntes Wissen den Status erreicht hat, den sie nun besitzt. Während er an den Grundfesten seines Glaubens zweifelt, hält Byletta an ihrem Wunsch nach Scheidung fest – aber Arnald ist ein gefährlicher Gegner, der nicht nur in der Kriegskunst bewandert ist.

Geschichte mal anders

Die Geschichte spielt in einem Setting, das stark von historischen Strukturen geprägt ist – eine Welt, die an europäische Adelsgesellschaften des 18. oder 19. Jahrhunderts erinnert. Politische Allianzen werden durch Ehen gesichert, wenngleich Byletta oft eigenwillig handelt – die Heirat war reines politisches Kalkül. Ihre Bedenken und Wünsche scheren niemanden und selbst ihre Ehe ist – zumindest am Anfang – nur ein kühler Schneeball ohne Glanz und Farbe.

Der Clou liegt im Titel selbst – der fast beiläufig formulierte Wunsch nach Scheidung. Was heute in vielen Teilen der Welt selbstverständlich erscheint, ist in den Adelsgesellschaften zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert ein Skandal. Scheidung bedeutete nicht nur den gesellschaftlichen Abstieg, sondern konnte politische und familiäre Konsequenzen haben. Tsumugi nutzt diesen Konflikt geschickt und wirft mit ihrer sehr starken weiblichen Figur doch alles irgendwo durcheinander – denn Byletta weiß ihre Wege um festgefahrene Konventionen.
Dabei bleibt die Geschichte ungewöhnlich sanft – obwohl beide Protagonisten anfänglich ihre Schwierigkeiten miteinander haben, sind sie von Vorurteilen geprägt und benötigen Zeit, sich anzupassen. Vor allem aber, den Weg in einer Gesellschaft zu finden, wo Intrigen und Verrat oft nicht weit sind.

Figuren mit einer Prise Moderne

Wem der Sinn nach klassischem Shōjo steht und bei dem Titel mitsamt Cover eben dies erwartet, sollte den Manga P.S. ICH WILL DIE SCHEIDUNG schleunigst wieder in das Regal legen. Tsumugi wandelt abseits der Pfade des Genres, wo Herzflattern, Liebe und Drama im Vordergrund stehen. Stattdessen zaubert sie in ihrem Werk mit Byletta eine Dame, die aus der heutigen Zeit stammen könnte. Sie sucht einen Weg heraus aus männlich geschaffenen Strukturen, spielt bewusst mit dem, was die adligen Herren über sie denken, um zu bekommen, was sie möchte. Aber hinter der starken Fassade steckt Unsicherheit, Verletzlichkeit, gleichzeitig aber ein unbändiger Mut, das eigene Leben so zu gestalten, wie sie es möchte.

Ihr Gegenpart Arnald ist ebenso anders wie Byletta. Statt dass er um sie kämpft, bindet er sie durch einen ungeheuerlichen Deal an sich, übergeht sie gar fast in der ersten Nacht. Doch hinter der kühl wirkenden Fassade stehen 8 Jahre Krieg, die ihn gezeichnet haben. Einst sanft und liebevoll, blieb im Blutbad und Schrecken der Kämpfe Dunkelheit in ihm zurück. Es ist Byletta, die durch ihre Art, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, ihn zum Umdenken bewegt – wenngleich langsam. Nebenfiguren tragen ebenfalls zur Tiefe der Geschichte bei: Hofdamen, Familienmitglieder und politische Akteure spiegeln unterschiedliche Facetten der Gesellschaft wider. Sie fungieren nicht nur als Kulisse, sondern treiben aktiv die Handlung voran.

Zeichenstil und visuelle Umsetzung

Tsumugis Zeichenstil ist elegant und detailverliebt, mit einem klaren Fokus auf Mimik und Körpersprache – gerade wenn Byletta sich ihre Schönheit zunutze macht, sticht die feine Federführung klar ins Auge. Der feine Stil spiegelt zudem die Zerbrechlichkeit der Figuren wider – passend für eine Geschichte, die auf Außenwirkung setzt, aber innere Konflikte ebenso sichtbar machen möchte.

Die Hintergründe sind reich ausgearbeitet und unterstreichen das historische Setting: opulente Räume, aufwendig gestaltete Kleidung und sorgfältig inszenierte Alltagsszenen erzeugen eine immersive Atmosphäre. Gleichzeitig versteht es die Künstlerin, in emotionalen Momenten den Fokus zu reduzieren – Panels werden ruhiger, Hintergründe treten zurück, sodass die Gefühle der Figuren stärker in den Vordergrund rücken.

Fazit

P.S. ICH WILL DIE SCHEIDUNG ist mehr als nur ein romantischer Manga mit ungewöhnlichem Titel. Iroto Tsumugi gelingt es, eine Geschichte zu erzählen, die persönliche Wünsche und gesellschaftliche Zwänge in ein spannendes Gleichgewicht bringt. Der historische Hintergrund verleiht dem Ganzen zusätzliche Tiefe. Wer Geschichten mag, die sich zwischen Romantik, Drama und Gesellschaftskritik bewegen, findet hier ein Werk, das sowohl unterhalten kann, als auch nachhaltig im Gedächtnis bleibt.

LILI SCHMIRGAL

Titel: P.S. ICH WILL DIE SCHEIDUNG
Autor*innen:  Kori Hisakawa
Zeichner:  Iroto Tsumugi, 
Verlag Deutschland: altraverse