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Viele Perspektiven auf ein markantes Gebirge

Wirtschaft, Infrastrukturprojekte, Besiedlungsgeschichte oder der Vorschlag eines zukünftigen Umgangs mit einer grenzüberschreitenden Kulturlandschaft: Ein Sachbuch bietet dazu zahlreiche Anregungen.

Als der Kulturgeograf Werner Bätzing (Autorenfoto: © Urich Hanzig) 1984 die erste Auflage seines Sachbuchs veröffentlichte, konnte er freilich noch nicht ahnen, dass es ein Standardwerk zu einer faszinierenden Region – und sein generationenübergreifendes Vermächtnis werden sollte. Über 40 Jahre später legt er nun die nunmehr fünfte und umfassend aktualisierte Auflage seines Sachbuchs DIE ALPEN – GESCHICHTE UND ZUKUNFT EINER EUROPÄISCHEN KULTURLANDSCHAFT vor, in der er abermals eine inter- und transdisziplinäres Wissenschaftskonzept vorstellt, das von der Geografie zusammengehalten wird (Vgl. S. 417). So ist ihm eine umfassende Bestandsaufnahme mit einer vielschichtigen und miteinander verzahnte Perspektive auf (Besiedlungs-)Historie, Klima, Wirtschaft und Leben dieses von Bildern, Vorstellungen und Projektionen reichen Gebirgszugs in der Mitte Europas gelungen.

Dabei präsentiert der inzwischen emeritierte Professor gerade beim Tourismus überraschende Zahlen: Mit gerade einmal 15% der Erwerbstätigen in diesem Wirtschaftszweig liegt die Zahl erstaunlich niedrig – und in 50% aller Alpengemeinden findet dieser mit weniger als 0,1 touristischen Betten je Einwohner (S. 193) faktisch gar nicht statt, während er sich auf einige Zentren konzentriert. Bätzing erweist sich als Fan von Aufzählungen – und so teilt er auch den Tourismus in sechs Phasen ein (S. 175 ff.), wobei er auch mit Epochenbegriffen operiert. Unter „postmodernen Wintertourismus“ versteht er etwa das Körpererlebnis beim Abfahrts-Ski einhergehend mit neuen, auch sexuellen Bekanntschaften.

Blick vom Wintersportgebiet Meran 2000 auf die Sarntaler Alpen, © Lutz Granert

Bätzing ist ideologiefrei unterwegs und belegt, warum Naturveränderungen nicht immer einhergehen mit Naturzerstörung. So trage ein Erhalt einer (künstlich geschaffenen) Kulturlandschaft mit Weidewirtschaft (Viehhaltung und Ackerbau) zur Stabilisierung eines sensiblen Ökosystems bei. Wird diese jedoch aufgegeben, wachsen auf den Hängen verstärkt Sträucher und Pionierbäume wie Grünerlen, die den Boden versauern und als Monokulturen artenreichen Rasen verdrängen (Vgl. S. 273). Die Folge: Erosion. Auch von künstlich angelegten Wasserreservoiren in Skigebieten geht eine Gefahr aus, wenn diese nach einer generellen Einstellung des Wintersporttourismus nicht mehr gewartet und rissig werden.  

Auch die Erschließung der Alpen in Sachen Verkehr nimmt er in 30 Karten des Alpenbogens angereicherten Sachbuchs unter die Lupe, weist auf historisch bedeutsame und derzeit laufende Bauprojekte (wie etwa den Brenner-Basistunnel) hin, stellt und geht bei bäuerlichen Traditionen bis ins Detail. DIE ALPEN – GESCHICHTE UND ZUKUNFT EINER EUROPÄISCHEN KULTURLANDSCHAFT ist gerade durch seine Zugänglichkeit ohne ausufernde und exklusive wissenschaftliche Diktion sehr informativ und lesenswert.

LUTZ GRANERT

Titel: DIE ALPEN – GESCHICHTE UND ZUKUNFT EINER EUROPÄISCHEN KULTURLANDSCHAFT
Autor: Werner Bätzing
Verlag: C.H. Beck
Erscheinungsform & Seitenzahl: gebunden, 502 Seiten
Verkaufsstart: veröffentlicht

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