Manga made in Europe
Die ersten Mangas erreichten bereits in den 1980er- und 1990er-Jahren das Land der deutschen Comic-Liebhaber. Allerdings erhielten die Werke aus Japan längst nicht die Aufmerksamkeit, die sie heute in Europa genießen. Es bedurfte der Macht des Mondes Ende der 1990er-Jahre, um die Geschichten aus dem Land der Samurai massentauglich zu machen – „Sailor Moon“, „Dragon Ball“ und „One Piece“ schufen eine europäische Generation an Mangaka.
Es sind nicht „erste Mangazeichner“, von denen in Europa die Rede sein kann, sondern vielmehr die ersten „Dōjinshi“, die mit dem Beginn des Internets Aufmerksamkeit erregten. Die von Fans erdachten Geschichten rund um bestehende Mangas und Animes fanden in Deutschland schnell im im Jahr 2000 gestarteten Online-Forum „Animexx“ ein Zuhause, das im letzten Jahr sein 25-jähriges Bestehen mit seiner aktiven Community feierte.
Das Forum zählt Tausende Werke verschiedener Künstler, die sich in allen Genres tummeln, die die weite Welt der japanischen Comics hervorgebracht hat: Boy’s Love, Seinen oder das anrüchige Hentai. Nicht alle sind „Dōjinshi“, gleichwohl sie unter diesem Tag eingeordnet sind – einige Künstler haben hier ihren eigenen Geschichten und Figuren eine Plattform geschenkt, sehr zum Wohlwollen der comicsüchtigen Nerds.
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Eine der ersten europäischen Mangaka mit großer Sichtbarkeit war die deutsche Zeichnerin Christina Plaka. Bereits Anfang der 2000er erschien ihr Comedy-Manga „Prussian Blue“, gefolgt von „Yonen Buzz“, der erstmals zeigte, dass Mangas aus Europa anders sind als ihre großen Brüder aus Japan. Plaka entwickelte einen Zeichenstil, der eine gesunde Mischung aus japanischem Boy’s Love zeigt und ihn mit dem deutschen Streben nach festen Formen und Geradlinigkeit verwebt. Ebenfalls prägend war Melanie Schober aus Österreich, deren Action-Manga „Personal Paradise“ eine solide Fangemeinde hinter sich vereinen konnte.
Für den europäischen Raum wurde das zu einem sich wiederholenden Muster – viele Künstler mischen bis heute japanische Ideen mit ihren heimischen Zeichenstilen und gelernten Normen der Kunst. Die Künstler, ob nun aktiv als Mangaka unterwegs oder als „Dōjinka“ (Zeichner von Dōjinshi), versuchten nicht, den japanischen Stil zu imitieren – sie adaptierten ihn, blieben erzählerisch eigenständig und erschufen das, was heute als EU-Manga in verschiedenen Verlagen ein Zuhause hat.
Der Aufstieg der Verlage
Einer der ersten großen Manga-Wettbewerbe in Deutschland, der maßgeblich zur Etablierung der deutschen Manga-Szene beitrug, war der „Mangatalente-Wettbewerb“, der Anfang der 2000er regelmäßig im Rahmen der Leipziger Buchmesse stattfand – in einer Zeit, in der viele Besucher noch glaubten, Cosplay sei ein eigens für die Messe organisierter Faschingsumzug. Er fand in enger Zusammenarbeit mit Verlagen wie Carlsen statt, die die Talentsuche in ihren Magazinen „Banzai!“ und „Daisuki“ bewarben – beide Magazine boten damals ein Sammelsurium verschiedener Einzelkapitel japanischer Mangas, die später natürlich in Buchform erschienen.
Zu den frühen Talenten, die durch solche Wettbewerbe entdeckt wurden, gehört beispielsweise die Künstlerin Sozan Coskun, die 2011 den ersten Platz in der Kategorie bis 14 Jahre bei den Mangatalenten auf der Leipziger Buchmesse gewann – 2013 belegte sie den dritten Platz beim Manga-Wettbewerb der Deutsch-Japanischen Gesellschaft in Berlin (die bis heute solche Wettbewerbe veranstaltet).
Die ersten Kapitel ihres Mangas „Green Garden“ entstanden als Abschlussarbeit ihres Studiums. 2019 begann der Ausbau des Projekts zu einer eigenen Serie beim deutschen Verlag altraverse. Der erste Band erschien 2020 und umfasst aktuell vier Bände.
Ihr Stil erinnert an Shōjo-Größen wie Arina Tanemura („Kamikaze Kaitou Jeanne“) und mit seinen sanften Farben an „Sailor Moon“-Schöpferin Naoko Takeuchi – mit einer Prise deutscher Härte in Gesichtszügen und Haltung der Figuren. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin ist sie außerdem Mitbegründerin und Produzentin des Podcasts „IKIGAI – Der Mangakapodcast“. Zusammen mit Caroline Tent (Racami) publiziert sie seit Frühjahr 2020 regelmäßig neue Folgen – müde, für die deutsche Szene einzustehen, wird Coskun auf lange Sicht sicher nicht.
Parallel dazu gewann das französische Verlagshaus Ankama an Bedeutung: Serien wie „Radiant“ von Tony Valente zeigten, wie europäische Manga weltweite Reichweite erlangen konnten. „Radiant“ wurde sogar als erster nicht-japanischer Manga in Japan als Anime adaptiert – ein kleiner Meilenstein in der noch jungen Geschichte europäischer Mangas.
Besonders in Frankreich, dem zweitgrößten Comicmarkt der Welt, entwickelte sich Manga rasant. Künstler wie Rémi Guérin, Guillaume Lapeyre oder Jenny verbanden Manga-Elemente mit frankobelgischer Ästhetik und schufen damit einen unverwechselbaren Stil. Frankreich wurde zur Wiege des „europäischen Shōnen“ – dynamisch, modern, mit klarem Fokus auf Action und Coming-of-Age statt auf bloße Bösewicht-Klopperei.
Europa findet seine Identität
Die 2010er- und 2020er-Jahre brachten eine Welle junger Künstler hervor, die Themen behandelten, die japanische Manga selten adressieren: europäische Geschichte, queere Erzählungen, Mental-Health-Diskurse oder regionale Folklore. So greift die deutsche Zeichnerin Mia Steingräber nordische Sagen auf und wählt einen Stil, der an mittelalterliche deutsche Volkskunst erinnert, während Daniel Lieske in seiner „Wormworld Saga“ moderne Probleme mit europäischen Märchenelementen verwebt. Einige Erzählungen vermischen solche Ideen mit japanischer Ästhetik und Mythenerzählung – darunter das Werk „Silence“ von Yoann Vornière.
Heute ist „Manga made in Europe“ längst keine Nische mehr, sondern ein eigenes, stetig wachsendes kreatives Ökosystem. Europäische Mangaka treten auf Conventions auf, haben feste Verlage und ihre Werke stehen in Buchhandlungen gleichberechtigt neben denen aus Japan.
Europäische Mangas unterscheidet nicht allein die Wahl der Themen von den japanischen, sondern auch ihre Experimentierfreude. Sie zeigt, dass Europa stärker auf kreative Freiheit und gelebte Kultur setzt, statt auf starre Traditionen und Formalitäten, wie sie in vielen japanischen Werken gepflegt werden. Auch der Begriff von Perfektion ist ein anderer – Konsistenz im Stil ist nicht immer oberstes Gebot. So kann es vorkommen, dass eine Nase zwei Panels später leicht anders aussieht. Ein eigener Charme, der zeigt, dass Schönheit nicht allein in Vollkommenheit liegt.
Fazit
„Manga made in Europe“ ist heute eine eigenständige Kunstform – geboren aus der Begeisterung für Japan, gereift durch europäische Kreativität. Die Szene wächst, diversifiziert sich und zeigt, dass Manga längst ein globales Medium geworden sind. Europa hat dabei nicht nur aufgeholt, sondern sich einen festen Platz erkämpft: innovativ, mutig und voller künstlerischer Energie.
LILI SCHMIRGAL