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Comic-Zeitreise trifft Gaming-Nerds

ASSASSIN’S CREED oder TOMB RAIDER, WORLD OF WARCRAFT, CYBERPUNK 2077 oder RESIDENT EVIL: Alle diese sehr unterschiedlichen Videospiel-Franchises vereint die Tatsache, dass es Comic-Adaptionen von ihnen gibt. Solche auf Games basierenden Comics erweitern die Lore der Spiele, erzählen Vorgeschichten oder begleiten die Handlung aus Sicht einer anderen Figur. Nicht alle davon sind gleichermaßen gelungen. Aber sie zeigen: Comics über Videospiele sind längst ein fest etabliertes Subgenre. 

Einen ganz anderen Zugang bietet der auf Deutsch bei Carlsen erschienene Sachcomic GAMING – EINE PIXEL-ZEITREISE. Dahinter steckt ein französisches Duo: Die Illustratorin Émilie Rouge ist Absolventin der École des arts décoratifs de Paris und erreicht hier erstmals ein deutschsprachiges Publikum. Zur Seite steht ihr der Journalist und Videospielexperte Jean Zeid, der zuvor noch nicht im Comicbereich aufgefallen ist. 

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In dem humoristisch erzählten Band reisen beide unter anderem zusammen ins Jahr 1962 an das renommierte MIT zu Steve Russel, dem „ersten Game-Designer in der Geschichte des Videospiels“; ins Kalifornien der frühen 70er Jahre, als mit Pong das erste wirklich kommerziell erfolgreiche Videospiel vorgestellt wurde. Und zum „Fairchild Channel F“ ins Jahr 1976 und somit erstmals weg von fest verbauten Spielen hin zu austauschbaren Modulen, sodass ein und dieselbe Heimkonsole verschiedene Games abspielen kann. 

Natürlich fehlt in dieser Zeitreise auch nicht der große (nordamerikanische) Videospiel-Crash von 1983 – Kenner wissen längst, was dieser mit einem Außerirdischen und einer Wüste zu tun hat … 

Als Émilie und Jean später Zeuge werden, wie 1994 Sonys bahnbrechende PlayStation auf den Markt kommt, liegt bereits rund die Hälfte der 240 Seiten hinter uns. Die Rahmenhandlung, in der sich die beiden auf der titelgebenden „Pixel-Zeitreise“ befinden, ist ein wenig gewöhnungsbedürftig. Auch dass man für das Thema Hardware zwischendurch plötzlich ins Jahr 1945 zurückspringt, statt der Chronologie gen Gegenwart zu folgen, lässt beim Lesen die Stirn runzeln. 

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Aber die Stärken dieses Sachcomics liegen in seiner Vielschichtigkeit: Da finden sich kleine Anspielungen auf „Nuka-Cola“ und den Gex-Gecko; Panels zu Game-Kuriositäten wie „Night Trap“; aber nicht nur einzelne Videospieltitel, sondern auch Themen wie Spieleentwicklung und technische Gadgets finden Erwähnung, ebenso prägende Personen wie Nolan Bushnell von Atari und erfreulich viele weibliche Wegbereiterinnen im Gamedesign. Von „Alone in the Dark“ über das klassische D-Pad und den weitgehend vergessenen Virtual Boy von Nintendo bis zum generationenübergreifenden Franchise „Zelda“, versammelt der Index am Ende des Buches darum ein absolutes Who is who der Videospiel-Geschichte.

Besondere Wertschätzung erhält außerdem der Aufstieg von Indie-Games, die tief bewegende, persönliche Geschichten abseits des AAA-Großwilds liefern – oft mit hochrelevanten Themen wie Trauer, Verarbeitung oder den Weg zu sich selbst. 

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GAMING – EINE PIXEL-ZEITREISE unterstreicht mit diesem Panorama, dass das Videospiel längst eine absolute Weltmacht der Popkultur ist. Und dass das Medium Comic sich wunderbar eignet, um diesen Aufstieg zu verbildlichen. 

Fazit: ein perfektes Geschenk für Gamer und mit der niedrigschwelligen Erzählung auch sehr gut für junge Lesende geeignet, die sich vielleicht fragen, wie Oma und Opa eigentlich ohne Online-Multiplayer ihre Jugend verbracht haben.

FRANK KALTOFEN

TITEL: Gaming – Eine Pixel-Zeitreise
AUTOR: Jean Zeid
ZEICHNUNGEN: Émilie Rouge
VERLAG: Carlsen
SEITENZAHL: 240
Veröffentlichung: veröffentlicht