
Christoph Maria Herbst über Agatha Christie
Wenn Christoph Maria Herbst die Worte von Agatha Christie zum Leben erweckt, wird aus einem Krimi ein akustisches Erlebnis. Im Gespräch mit dem gibt er Einblicke in seine Lesung von RENDEZVOUS MIT EINER LEICHE.
Mit feinem Gespür für Timing, Tonlage und Zwischentöne nähert sich Christoph Maria Herbst einem der düstersten Werke von Agatha Christie: RENDEZVOUS MIT EINER LEICHE – auch bekannt als DER TOD WARTET. Im Interview spricht er darüber, wie er Spannung hörbar macht, Figuren zum Atmen bringt – und warum gerade dieses Werk eine besondere Herausforderung ist.
Seit Agatha Christie vor über 100 Jahren ihren ersten Roman veröffentlicht hat, begeistert sie Generation um Generation. Was glauben Sie, warum sind Christies Geschichten solche „Dauerbrenner“?
Das ist eine sehr gute Frage, die man sich zu Recht stellen kann. Ich glaube, sie haben einfach über die Jahrzehnte ihren Reiz nicht verloren. Man könnte diese Geschichten natürlich aufmotzen, ins Hier und Jetzt übertragen, wie es der BBC so einzigartig mit Sherlock Holmes gelungen ist. Aber das ist bei den Texten und der Art, wie Agatha Christie geschrieben hat, nicht nötig. Wir haben neuere Verfilmungen von Kenneth Branagh gesehen, die dem alten Stil und diesem leicht – das meine ich positiv – „Angestaubten“ Rechnung getragen haben. Er hat sie auch im Fin de Siècle oder in den zwanziger Jahren belassen. Das funktioniert ganz wunderbar. Ich glaube, unterm Strich gesagt, die Geschichten haben bis heute an Spannung und Reiz nicht verloren. Warum? Weil Agatha Christie eine durch und durch psychologische Kriminalautorin war. Und Psychologie ist zeitlos.
Hercule Poirot wendet oft die gleichen Methoden an, um seine Fälle zu lösen. Haben auch Sie bestimmte Techniken oder Routinen, auf die Sie für Ihre Sprecherrollen zurückgreifen?
Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Eine Technik ist sicherlich, dass ich mir selbst zuhören muss, wenn ich ein Buch zum Hörbuch mache. Ich muss mir das Buch selbst vorlesen und so tun, als wüsste ich nicht, was als nächstes kommt. In der Schauspielerei spricht man immer vom jungfräulichen ersten Mal, von diesem Überraschungsmoment. Das muss immer da sein. Der Witz besteht natürlich darin, dass ich meine Hausaufgaben gemacht habe und sehr wohl weiß, was als nächstes passiert. Ich bin kein Prima Vista-Leser. Und ein weiterer Trick ist, dass ich eine Zeile lese, mit einem halben Auge aber schon in der nächsten Zeile bin. Sodass ich immer schon ein bisschen weiter bin, als ich spreche. Und auch das scheint sich zu widersprechen. Aber das funktioniert ganz gut. Ich habe zumindest noch keine negativen Reaktionen bekommen, dass man mir nicht folgen könnte.
Foto: © Spotting Image, Köln
Poirot sucht bei seinen Ermittlungen eher die Wahrheit als den Adrenalinkick. Trotzdem würden wir gerne von Ihnen wissen: Was bringt Ihnen privat den größten Nervenkitzel?
Paragliding. Wenn ich mich aus achtzehnhundert Meter Höhe von einem Berg stürze. Das erzeugt schon literweise Adrenalin und das schießt in diesem Moment ein. Es ist wie ein Krimi: Man weiß nicht, wer wird am Ende der Tote sein? Und wer war der Mörder?
Die im Buch vorkommende Emily Boynton ist ein echtes „Ekelpaket“. Sind solche Figuren schwieriger zu interpretieren oder macht das sogar am meisten Spaß?
Das ist schwierig und macht ungeheuer viel Spaß im selben Maße – im selben atemlosen Maße. Ich habe lange mit meinem Regisseur überlegt, wie wir sie sprechen wollen, weil sie nicht viel Text hat. Sie darf nicht zu sehr ins Karikaturhafte gehen. Sie muss aber trotzdem krass genug sein, dass man sie mit diesen wenigen Sätzen, die sie in den Dialogen hat, so skizziert, dass man ihre Figur vor dem geistigen Auge sieht. Sodass sie nicht nur im Ohr landet, sondern man sie auch vor Augen hat. Viel schwieriger war es für mich, bei Agatha Christies Beschreibungen der alten Mrs. Boynton nicht in schallendes Gelächter auszubrechen (lacht). Sie hat unglaubliche Schlagworte für sie zur Hand gehabt, zum Beispiel „alter, hässlicher Buddha“ und ähnliche Begriffe, echt krasse Formulierungen. Das ist man heute nicht mehr zwingend so gewöhnt. Das war eine ganz andere Zeit.
Als Hörbuchsprecher sind Sie oft im Krimi-Genre unterwegs. Können Sie sich vorstellen, auch vor der Kamera wieder in die Rolle eines Ermittlers oder Detektivs zu schlüpfen – vielleicht in die des Hercule Poirot inklusive des berühmten Schnurrbarts?
(Spricht in einem perfekten französischen Akzent): Ich glaube, das wäre nicht die richtige Aufgabe für mich. Da sollte man jemanden nehmen, der diese Sprache besser beherrscht.
Autorin: Agatha Christie
Verlag: der Hörverlag
Laufzeit: 406 Minuten
Das Interview wurde freundlicherweise vom Der Hörverlag zur Verfügung gestellt.
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