Ein Fremder Ohne Namen

EIN FREMDER OHNE NAMEN

Auferstanden von den Toten

Der Rache-Western EIN FREMDER OHNE NAMEN avancierte nicht zuletzt durch seine jahrelange Indizierung zum Kultfilm. Seit Juni 2017 von der Liste der jugendgefährdenden Filme gestrichen, würdigte ihn capelight pictures vor Kurzem in unzensierter Fassung mit einer Veröffentlichung in einem hochwertigen Mediabook.


Die Silhouette eines Cowboys auf einem Pferd durchschneidet die flirrende Hitze einer menschenleeren Wüstenlandschaft. Ein schauerliches Fiepen bildet den musikalischen Rahmen, während sich der namenlose Fremde (Clint Eastwood) dem Städtchen Lago nähert. Sein Wunsch nach einer Flasche Whiskey und einem heißen Bad geht nicht in Erfüllung, da ein paar feindlich gesinnte Revolverhelden einen Mordanschlag auf ihn verüben. Der Fremde überlebt – und bekommt von den Stadtoberen ein Angebot. Er soll die Einwohner von Lago vor dem Zorn jener drei Banditen schützen, die vor einem Jahr Jim Duncan, den Marshall des Ortes, zu Tode peitschten und nun aus dem Gefängnis freikommen. Der Fremde willigt ein, macht dem bis dahin als Prügelknaben missbrauchten Zwerg Mordecai (Billy Curtis) zum Sheriff – und beginnt, den Ort nach Strich und Faden auszunehmen.Clint Eastwoods zweite Regiearbeit fürs Kino steht mit seinem eigenschaftslosen Antihelden und Figuren, die allesamt – mit Ausnahme eines Zwerges – Dreck am Stecken haben, dem Italowestern näher als dem us-amerikanischen, wie auch Dr. Marcus Stiglegger in seinem ebenso kenntnisreichen wie lesenswerten Essay (zu finden im Booklet dieser Veröffentlichung) anführt. Der Fremde bedient sich sowohl am Bier und Whiskey im Saloon als auch bei den Frauen Lagos, denen er sich erst aufzwängt, bevor sie ihm verfallen. Dieses altmodische Rollenbild mag im Zeitalter von #MeToo-Debatten bitter aufstoßen, unterstreicht jedoch die Andersartigkeit von EIN FREMDER OHNE NAMEN. Der Kultfilm erzählt eine mythologische Geistergeschichte um die Rache eines Toten (oder – so die abweichende deutsche Synchronfassung – von dessen Bruder), die so merkwürdig und zugleich so originell ist wie die am Ende komplett rot gestrichenen Häuser in dem kleinen Städtchen. Über willkürlich erscheinende Wechsel zwischen Tag und Nacht sieht man dann auch großzügig hinweg. Denn es ist schon merkwürdig: Nach der Ankunft der drei Banditen in Lago mitten am Tag werden einige Stunden erzählte Zeit mühelos mit einem Schnitt überbrückt – und der irritierte Zuschauer erfährt nicht, wie zu nächtlicher Stunde die Einwohner plötzlich im Saloon zusammengetrieben wurden und die Hälfte der Stadt in Brand geriet.

Doch nicht nur der Film, auch die Mediabook-Veröffentlichung von capelight pictures ist ein Erlebnis. Das Bild ist gestochen scharf und klar, der Dolby Digital 5.1-Ton steht dem in nichts nach. Einzig ein kurzer Dialog in Minute 28 (DVD), als Callie (Marianna Hill) von ihrer Vergewaltigung berichtet, klingt dumpf und verrauscht. So überzeugt die Veröffentlichung durch hohes technisches Niveau und wartet mit einem 24-seitigen Booklet (siehe oben) auf, während bisherige, inzwischen etwas angestaubte DVD-Veröffentlichungen nur Texttafeln zu Cast & Crew als Boni zu bieten hatten und die bisherige Blu-Ray-Veröffentlichung von Universal nur den „nackten Film“ in 21 Sprachfassungen (plus Trailer) bot.

LUTZ GRANERT

Titel: EIN FREMDER OHNE NAMEN (uncut)
Label: capelight pictures
Land/Jahr: USA 1973
FSK & Laufzeit: ab 18, ca. 100 Min (DVD), ca. 105 Min. (Blu-ray)
Verkaufsstart: veröffentlicht