The Good Neighbor

THE GOOD NEIGHBOR

Alles überwachbar, Herr Nachbar

Liebe deinen Nächsten, wird uns gelehrt, denn sonst kann das nichts werden mit Gesellschaft und Zivilisation. In der Filmlandschaft allerdings geht das Spektrum der Nachbarn eher von bestenfalls nervig bis schlimmstenfalls creepy und mörderisch. Letzteres zeigt THE GOOD NEIGHBOR, den OFDb Filmworks nun auf DVD und Blu-ray veröffentlicht, in einer bösartigen Neuinterpretation.

Ethan und Sean sind zwei amerikanische Teenies, wie man sie sich heutzutage vorstellt: aufmüpfig, klug, naiv und bis über beide Ohren überhäuft mit exorbitant teurer Technologie. Sie hegen außerdem, wie jeder unterhalb des Rentenalters in den USA, einen pathologischen Abscheu gegenüber dem Altwerden, und so beginnen sie ein “Experiment”, wie die beiden Jungs es nennen, mit ihrem greisen Nachbarn Harold Grainey als Versuchsobjekt. Ethan erklärt zu Beginn, dass es Experiment-Leiter gibt, die ihren Probanden mitteilen, dass sie kleine Dinge in ihrem Alltagsleben manipulieren. Dinge, die sich zuerst unmerklich, aber auf lange Sicht spürbar in das Leben der Probanden einschleichen. Ethan sagt weiterhin, dass in der Folge dieser Experimente die Probanden spiritueller geworden sind, einen Weg zu Gott gefunden haben, ihr Leben von oben betrachten statt von hinten.

Als nicht sonderlich introspektiver Film- und Horrornerd interpretiert Ethan das nun so, dass er seinem Nachbarn ein paar gruselige Streiche spielen sollte, um dessen Reaktion zu beobachten. Also installieren er und sein Freund Sean eine ganze Menge Kameras, Magnete und Störsender in Mr. Graineys Haus, und fertig ist das Spukschloss. Von Ethans Zimmer aus überwachen die beiden nun Mr. Graineys Leben Tag und Nacht, lassen Türen klappern, sorgen für Lichtausfälle und lernen dabei mehr über den alten Mann, als ihnen lieb ist…

Es ist schier unmöglich, über THE GOOD NEIGHBOR zu schreiben, ohne zumindest anzudeuten, dass dieser Film einiges mehr parat hält, als die obige Zusammenfassung erahnen lässt. Story ist dabei alles: Mit Ausnahme von James Caan, der hier im Alter noch einmal mit einer glänzend gespielten Rolle als einsamer, verbitterter Rentner überzeugt, ist das Schauspiel eher unauffällig. Die beiden jungen Hauptdarsteller sind überzeugend in dem Porträt zweier unkontrollierter bis fahrlässiger Teenager, die damit leider keine Sympathieträger sind. Damit sind vor allem die Ideen und die gesellschaftlichen Kommentare in THE GOOD NEIGHBOR das tragende Unterhaltungselement. Denn die Handlung, obschon einigermaßen vorhersehbar, läuft nicht den ausgetretenen Pfaden hinterher, die die Vorbilder schon lange etabliert haben.

Da wäre zunächst der offensichtlichste Vergleich: Alfred Hitchcocks “Das Fenster zum Hof”. Protagonist spioniert Nachbarn aus und entdeckt dessen dunkle Geheimnisse. So weit, so Thriller. THE GOOD NEIGHBOR vergeudet auch nicht viel Zeit mit solchen Geheimnissen, allerdings lauern die auf beiden Seiten. Das Vorhängeschloss an Mr. Graineys Kellertür bringt die düstere Vorstellungskraft der Zuschauer auf Hochtouren, subtiler aber ist die Tatsache, dass Ethan, als er gefragt wird, warum er ausgerechnet seinen alten Nachbarn diesem “Experiment” unterzieht, ausweicht und nicht darauf antworten will. Die Frage nach der Verteilung von Opfer und Täter wird relativ schnell in Frage gestellt, wenn Ethan und Sean in das Nachbarhaus einbrechen und dem alten Mann darin der Privatsphäre berauben und seine geistige Gesundheit mit dummen Grusel-Pranks bedrohen.

Zweideutig bleibt das Ganze in der ersten Hälfte des Films trotzdem. Zumindest Sean sieht das ganze Unterfangen eher mit anthropologischer Neugierde, hat also halbwegs reine Absichten, und Mr. Grainey ist keineswegs der liebe Opi von nebenan, sondern ein aggressiver, zurückgezogener Mensch, der mit seiner Umwelt nichts zu tun haben will und deswegen schon mal Nachbarn bedroht, die beim Spazierengehen mit ihrem Hund seinem Grundstück etwas zu nahe kommen. In THE GOOD NEIGHBOR gibt es keine Identifikationsfiguren: Alle Charaktere sind grau angelegt. Das ist für den Gruseleffekt ein Nachteil, aber genau darin liegt das Clevere in diesem angeblichen Schocker.

Denn THE GOOD NEIGHBOR unterwandert Hitchcocks Klassiker genauso wie die zu zweifelhaftem Ruhm gelangten “Paranormal Activity”-Filme und all ihre zahllosen Ableger. Etwa die Hälfte des Films besteht entweder aus Aufnahmen von Ethans und Seans Kameras oder mit der Handkamera gefilmten Vlogs der beiden aus ihrem zum Panoptikum umgestalteten Schlafzimmer. Das Found-Footage-Feeling löst automatisch eine Haltung aus, die sich der moderne Horrorfilm zu Eigen gemacht hat: Irgendetwas passiert, das nicht passieren dürfte. Hier ist das ironisch gebrochen, indem die einzigen Jumpscares gerade das Mondäne sind. Etwa Ethans Mutter, die in sein Zimmer hereinplatzt, während er gebannt vor seinem Bildschirm hockt und Mr. Grainey ausspioniert. Außerdem wird das “Paranormale” – ein Begriff, der bei Filmen wie “Paranormal Activity” umfasst, dass das Licht ausgeht und Gegenstände durch die Luft fliegen – in THE GOOD NEIGHBOR komplett entmachtet, denn hinter den ach so gruseligen Begebenheiten in unserem Spukhaus steckt kein weißgesichtiger Dämon oder ein geiferndes Monstrum, sondern zwei gelangweilte und hochbegabte Halbstarke, die zwischen den Gruselsessions an derselben Maschine masturbieren, an der sie ein paar Stunden zuvor einen alten Mann terrorisieren. Ein großartiger Kommentar auf das effektschwache Horrorkino der letzten Jahre.

Die erfrischendste Szene dazu findet sich am Anfang des Films: Ethan und Sean wollen Mr. Grainey einen gehörigen Schrecken einjagen, indem sie seine Verandatür mittels Magneten und Fernsteuerung auf und zu krachen lassen. Statt zugespitzten Violintönen und verzweifelten Schreien der Angst nimmt der alte Mann das Beil zur Hand und haut die “verhexte” Tür kurz und klein. Die Genrekonvention ist damit genauso zerhackt und der Standpunkt des Films ganz klar. Geht zwar subtiler, aber die Vorbilder dieser Szene sind nicht gerade für ihre Unterschwelligkeit bekannt.

Unterschwellig fließt im Film auch die YouTube-Kultur mit. Ethan und Sean sehen ihr sogenanntes Experiment als Videoprojekt, erhoffen sich Internetruhm. In einer Szene reden sie darüber, dass sie ihre Seele verkaufen würden, um eine Million Views zu bekommen. Die Toxizität zahlreicher berüchtigter Channels, die mit angeblichen “Pranks” ihre Umwelt traumatisieren und die eigene verdorbene Persönlichkeit als Unterhaltungsware verkaufen, findet bei Jugendlichen wie Ethan und Sean Bewunderung. Sensibilität und Ruhe ist da fehl am Platz, Emotionen müssen aufs Extremste verwertet und aufgezeichnet werden, und die Aufnahmen des alten Mr. Grainey geraten zu einer respektlosen Variante von “Verstehen Sie Spaß?”. THE GOOD NEIGHBOR fühlt dieser unreflektierten Videokultur auf den Zahn, ohne moralisierend zu sein. Gepaart mit der Paranoia der Teenager – der alte Mann, der alleine lebt, muss etwas zu verbergen haben, sonst wäre er ja nicht alt und allein – entsteht so eine Narrative, wie aus harmlos gemeinten YouTube-Videos gewalttätige Tendenzen entstehen.

THE GOOD NEIGHBOR ist also ein Thriller, der viel zu sagen hat, und das macht er mit Erfolg. Während Schauspiel, Musik und Kamera etwas zu wünschen übrig lassen, brilliert das Drehbuch mit einer Relevanz, die für das Genre eher unüblich ist. Es ist selten geworden, dass ein Film mit so einer oft gehörten und umgesetzten Prämisse etwas Originelles hervorbringt, aber hier ist es den Machern mehr als gelungen.

OLIVER MOISICH

PRODUKT-INFO:

Titel: THE GOOD NEIGHBOR

Label: OFDb Filmworks

Land/Jahr: USA 2016

FSK & Laufzeit: ab 16, ca. 98 Min.

Verkaufsstart: 23. November