NEU IM KINO: STILLE RESERVEN

NEU IM KINO: Stille RESERVEN

Totgesagte haben länger Schulden

 

Früher galt, dass mit dem Tod alles endet. In der dystopischen Zukunftsversion von Valentin Hitz fängt mit dem Ableben das Abzahlen der Schulden erst an. Die bissige Gesellschaftskritik STILLE RESERVEN kann mit einer interessanten Grundidee und atmosphärischer Bild- und Tongestaltung punkten.

 

Der Volksmund sagt, dass nur der Tod umsonst ist. Doch in einer nicht allzu fernen Zukunft haben Großkonzerne wie die „European All Risk“, kurz „EAR“, ein System geschaffen, in dem lediglich diejenigen sterben dürfen, die es sich auch leisten können. Wer Schulden hat wird nach seinem Ableben reanimiert, in eine Art künstliches Koma versetzt und in Großlagern aufeinander gestapelt. Hier werden die Körper unter anderem als Gebärmaschinen, menschliches Ersatzteillager oder auch als mentaler Informationsspeicher verwendet, bis alle vorhandenen Verbindlichkeiten getilgt sind. Erst dann werden die Maschinen abgestellt. Keine schöne Vorstellung für die durch die hohen Lebenshaltungskosten mehrheitlich verschuldeten Bürger.

Lisa Sokulova (Lena Lauzemis) kommt eigentlich aus reichem Hause, aus Protest gegen das System – und ihren Vater (Daniel Olbrychski), der es mitgestaltet hat – lebt sie jedoch als Nachtclubsängerin in der verarmten Gesellschaftsklasse. Als die junge Frau Leute um sich sammelt und nach einer Lösung sucht, um die Lebenserhaltungssysteme auszuschalten, wird sie von der EAR als Bedrohung eingestuft.

Ganz anders der mindestens so ehrgeizige wie systemtreue Karrierist Vincent Baumann (Clemens Schick), der für die EAR Todesversicherungen verkauft. Mit seinem aalglatten Charme gelingt es ihm in der Regel, jeden Kunden dazu zu bringen, eine seiner überteuerten Versicherungen zu kaufen. Als er jedoch an der Starrköpfigkeit eines potentiellen Käufers scheitert, versetzt ihn seine eiskalte Chefin Diana Dorn (Marion Mitterhammer) in die Informationsabteilung. Nur wenn es ihm gelingt, herauszufinden, was Lisa und ihre Widerstandsgruppe planen, bekommt er sein altes Leben zurück. Doch bald schon verliebt er sich in die idealistische Sängerin und beginnt sein bisheriges Weltbild zu hinterfragen.

Der in Stuttgart geborene Drehbuchautor und Regisseur Valentin Hitz („Ratrace“, „Kaltfront“) erdenkt für seinen Science-Fiction-Film Stille Reserven kein völlig neues Schreckensszenario, um Ängste zu schüren, sondern spitzt die allgemeine Sorge um die vollständige Eingliederung des Menschen in die ökonomische Verwertung zu einer realistisch-beängstigenden Drohkulisse zu. Die Haupthandlung für sich ist vollkommen der unterkühlten Stilisierung und der Ausgangslage unterworfen. So kommt die Erzählung vom treuen Systemdiener, dessen Weltbild bei seinem Auftrag im Untergrund aus den Fugen gerät und der anfängt, alles zu hinterfragen, zunächst nicht sonderlich originell daher. Doch Valentin Hitz setzt hier deutlich weniger auf Erzählstruktur oder kohärente Figurenzeichnungen als auf Stil, weshalb Stille Reserven in erster Linie ein Film ist, der durch seine großartige Atmosphäre versucht, bleibende Kinomomente zu schaffen.

Und dies gelingt ihm vorzüglich, denn neben seiner interessanten Grundidee konnte der Filmemacher für seine deutsch-österreichisch-schweizerische Co-Produktion vor und hinter der Kamera ein erstklassiges Team um sich versammeln. Die Hauptrollen sind mit dem unter anderem aus „Nachtschicht – Wir sind alle keine Engel“ und „Point Break“ bekannten Clemens Schick, der sich glaubwürdig vom Saulus zum Paulus wandelt, und Lena Lauzemis („Das Zimmermädchen Lynn“) als androgyne Nachtclubsängerin und mysteriöse Rebellin gelungen besetzt. Ihre gewollt weitgehend leidenschaftslose Darstellung, in der die beiden ihre lakonischen Dialoge vortragen, passt perfekt zu der von Hitz trostlos eingefangenen Atmosphäre.

Gleiches gilt für die Nebendarsteller um Marion Mitterhammer („Lilly Schönauer – Liebe mit Familienanschluss“), Jaschka Lämmert („Die Bergretter – Mutterseelenallein“), Daniel Olbrychski („Marie Curie“), Simon Schwarz („Die Lebenden und die Toten – Ein Taunuskrimi“) und Marcus Signer („Schellen-Ursli“), die ihre Charaktere durch die Bank weg ebenfalls überzeugend spielen. Daneben gibt es noch einen sehenswerten Kurzauftritt der österreichischen TV-Legende Dagmar Koller, die in den 1990er Jahren als Bordellbetreiberin Mitzi in Otto Retzers Komödien „Hochwürden erbt das Paradies“ und „Hochwürdens Ärger mit dem Paradies“ Bekanntheit erlangen konnte.
Die wirklichen Stars von Stille Reserven sind jedoch die Kreativen hinter der Kamera. Denn die technische Umsetzung des Films ist zweifellos brillant. Szenenbildner Hannes Salat, der sich zuletzt für das Setdesign der Udo-Kier-Serie „Altes Geld“ verantwortlich zeigte, und der Kameramann Martin Gschlacht, der unter anderem viermal den österreichischen Filmpreis als bester Kameramann entgegennehmen durfte, leisteten hier wirklich Überragendes. Das zurückhaltend gefilmte, düstere Wien der nahenden Zukunft mit Schauplätzen voll stilistisch kalter Eleganz und tristen Vierteln kann sich in jedem Moment mühelos mit nahezu allen finanziell deutlich besser ausgestatteten Großproduktionen aus Hollywood messen.

Gleiches gilt für das Tondesign. Tonmann Uve Haußig und Komponist Balz Bachmann, der 2012 für seinen gelungenen Soundtrack zu Thomas Imbachs „Day Is Done“ den Schweizer Filmpreis erhielt, schaffen ein hochwertiges akustisches Erlebnis samt mitreißender Hintergrundmusik zwischen kühlem Jazz und coolen Synthesizerklängen, das deutlich über der Durchschnittsqualität des deutschsprachigen Kinos liegt.

In erster Linie ist Stille Reserven mutiges Genrekino, dessen Grundidee eine gelungene Ausweitung der Gegenwart darstellt. Neben dem bedrohlichen Zukunftsszenario ist der Film von Drehbuchautor und Regisseur Valentin Hitz allerdings auch ein Zeugnis dafür, dass großartige Bilder dystopischer Zukunftsstädte, hervorragende Effekte und erstklassiges Sounddesign nicht mehr alleine Hollywood vorbehalten sind.

 

Florian Tritsch  

 

Titel: Stille Reserven
Land/Jahr: Österreich/Schweiz/Deutschland 2016
Label: Camino Film
FSK & Laufzeit: 12, ca. 96 Min.
Kinostart: 20. April