MARKETA LAZAROVA

MARKETA LAZAROVA

MARKETA LAZAROVA

Sinnliche Briefe aus der mittelalterlichen Vergangenheit

 

Vor 50 Jahren kam František Vláčils Magnus Opus MARKETA LAZAROVÁ in die Kinos. Zumindest in der Tschechoslowakei. Ende letzten Jahres hat Bildstörung für den lange überfälligen Kinostart in Deutschland gesorgt, und nun folgt die Heimkinopremiere dieses Poems aus Wahnwitz und ruhigem Chronistentum.


Der Beginn von MARKETA LAZAROVÁ verortet die Geschichte aus dem Mittelalter im Reich der Legenden, Mythen und Märchen. Eine Erzählung, um sie am Feuer zu erzählen, sei es, erklärt uns der Erzähler aus dem Off. Nach dem Roman von „Volksschriftsteller“ Vladislav Vančura wurde das Drehbuch verfasst, klären uns die Credits auf. Es wird die Aura entworfen, dass MARKETA LAZAROVÁ tief in der Seele seines Landes steckt. Dass es zu diesen Schatten gehört, die wieder und wieder erzählt werden und zwar nur zufällige Begebenheiten enthalten, aber doch sich aus vergangener Zeit identitätsstiftend auf die Gegenwart werfen.

Die Bilderwelten, entworfen im Kontrast zwischen leuchtendem Schnee und der ihr entgegenstehenden Dunkelheit von Menschen, Tieren, (toten) Bäumen, Dreck, Matsch und Gebäuden, nehmen dies auf. Die Eselkappe, die Dieb und Bauer Kozlík trägt, das Blut in den Gesichtern, die von Zauber oder Hexerei kündenden Knochen, welche um einen knochigen Baum gehangen wurden, die zwischenzeitliche Entrücktheit der Erzählung, MARKETA LAZAROVÁ scheint aus einer lange vergangenen Zeit zu kommen, aus einer anderen Dimension. Es hat etwas Traumartiges. Und etwas von den Träumen, die zu einem sprechen, die einem etwas über einen sagen. Nur dass dieser Traum, da er keinen Träumenden hat, sondern nur Zuschauer, irgendwo tief aus dem Morast von Geschichte und Vergangenheit zu kommen scheint.

Wie in jahrhundertealten Romanen und Erzählungen sind den Kapiteln, in welche der Film unterteilt ist, kurze Zusammenfassungen vorangestellt. Doch spitzbübisch werden diese unterlaufen. Da wo Rabelais oder Henry Fiedling in ihren Schelmenromanen dieses Stilmittel absurd nutzten, der Trockenheit ihrer Chroniken einen irrwitzigen Inhalt entgegenstellten und verspielt und latent trunken einen Wahnwitz sprudeln ließen, der der vorangestellten Nüchternheit Spott sprach, da nutzt MARKETA LAZAROVÁ diese Kapiteleröffner, um alles in Leere laufen zu lassen. Statt überbordend die Zusammenfassung auszufüllen, werden hier nur Schemen folgen. Der Schrift nach ist klar und einfach, was geschehen wird. Sie stellen den Sinn vorauseilend zusammen, doch was folgt ist ambivalenter, nicht von der Eindeutigkeit der Zusammenfassung.

Unbestimmt irgendwo im Mittelalter in Böhmen überfallen zwei Söhne des Räubers Kozlík eine sächsische Gesandtschaft, rauben ein paar Pferde und einen jungen Mann. Ohne dass sie es wissen würden, handelt es sich dabei um einen kommenden Bischof. Doch der Vater des Jungen entkommt, weshalb Kozlík für sich und seine Geschäfte die Verfolgung durch die Vertreter des Königs fürchtet. Der nahe lebende, ähnlich seinen Lebensunterhalt bestreitende Lazar lehnt das Hilfegesuch Kozlíks rüde ab, weshalb dessen Sohn Lazars Tochter Marketa raubt. Die von einem ehemaligen Kaufmann angeführten Truppen des Königs sind zu diesem Zeitpunkt auch schon vor Ort. Und blutig drehen sich die so einfach scheinenden Ereignisse voller verwobener Implikationen und verschwommer Haken in ein nüchternes Delirium.

Gerade die Einleitungen der Kapitel, der ruhige und etwas widerspenstige Erzählton, der den Zuschauer nicht anspringt, sondern enigmatisch seine Elegie von der Leinwand tropfen lässt, sorgt dafür, dass MARKETA LAZAROVÁ mitunter etwas karg wirkt. Doch dem steht eine überschäumende Bilderwelt entgegen - vor Inhalt tummelnde Einstellungen, wild durch Zeit-, Raum- und Realitätsebenen springende Schnitte, assoziative Bilder, die voller Gestaltungswut entworfen sind – und eine Geschichte, die wenig offensiv ausarbeitet scheint, die aber, wie die Einstellungen, irgendwann von einem Tummeln der Inhalte bestimmt wird – Gottesfurcht, Kloster als letzte Zuflucht, hexenartige Frauen, Lust, toxischer Heroismus, Rache, Macht, Staatsräson, Narrentum und Heiligkeit.

Und irgendwo in all diesem kargen Reichtum trägt die Liebe ihre Knospen. Der junge Bischof entdeckt die körperliche Liebe und flieht irgendwann nicht mehr nur vor seinen Entführern, sondern auch vor seinen familiären Rettern, während Marketa und ihr Räuber sich ebenso lieben lernen, fragil und unwirklich, in einer Welt voll Gewalt, Engstirnigkeit und einer, in der kein Platz für Gefühle ist. Unwirklich und unlogisch wird diese Liebe nicht das Leitmotiv, sondern ist wie ein leises Klingen unter all den Schichten, welches die Menschen ändern und soziale Bindungen in Frage stellt kann. Die Liebe bietet aber auch keine Lösungen. Ein schönes Ding, aber kein Retter und nichts, was dem Film plötzlich seinen Sinn verleiht.

MARKETA LAZAROVÁ sucht und bietet nicht die einfachen Lösungen, sondern ein audiovisuelles Erlebnis, eines, in dem die Chöre sakral den Widersinn unterlegen und schummrige Stabspielmelodien allem einen fiebrigen Touch geben. Ein Film zum Eintauchen, einer der in einem arbeiten kann, lange noch, wenn er schon vorbei ist. Es muss sich nur den Schleusen der Eindrücke aus einem fremden und doch bekannten Reich hingeben werden.

 

ROBERT WAGNER

 

PRODUKT-INFO

Titel: Marketa Lazarová

Land/Jahr: Tschechoslowakei 1967

Label: Bildstörung

FSK & Laufzeit: ab 16., ca. 165 Min.

Verkaufsstart: 3. März