BEFORE I WAKE

BEFORE I WAKE

Wenn (Alp-)Träume wahr werden…

 

Ein Achtjähriger verfügt über eine große Gabe – die sich jedoch schnell als tödliche Bedrohung entpuppt. Mike Flanagan verbindet in BEFORE I WAKE Elemente des Dramas, des Mysteryfilms und des Fantasygenres zu einem packenden Horrorthriller, der nun auf DVD, Blu-ray und im limitierten Mediabook erscheint.


Das Pärchen Jessie und Mark hat ein traumatisches Erlebnis hinter sich: Ihr kleiner Sohn Sean ist bei einem tragischen Unfall in der heimischen Badewanne ertrunken. Nun fühlen sie sich bereit für einen großen Schritt und beschließen, ein Pflegekind bei sich aufzunehmen. Der achtjährige Cody scheint genau der Richtige für sie zu sein. Er ist höflich, schüchtern und dennoch offen. Doch die Idylle hält nicht lange an. Schon wenige Tage, nachdem der Kleine bei dem Paar untergekommen ist, gehen nachts seltsame Dinge vor sich: Plötzlich tummeln sich Schmetterlinge im Haus, dunkle Schatten tauchen auf, und dann steht der verstorbene Sean vor den staunenden Eltern. Doch so schnell, wie er aufgetaucht ist, verschwindet er auch wieder.

Nach der ersten Verwirrung kommen Jessie und Mark den seltsamen Vorkommnissen schließlich auf die Spur: Alles, was der sensible Cody träumt, wird wahr. Was bei leuchtenden Schmetterlingen – für die der Junge ein Faible hat – noch niedlich erscheint, nimmt eher gruselige Formen an, wenn beispielsweise Tote wieder auftauchen. Außerdem verfolgt eine unheimliche Gestalt Cody in seinen Träumen, und sobald er schläft, findet dieses Wesen, das er „Kreuzmann“ nennt, ebenfalls einen Weg in die Realität und wird damit auch zur Bedrohung für die Umwelt. Doch zunächst ignoriert vor allem Jessie die negativen Folgen und sieht in Codys Fähigkeit die Möglichkeit, ihren geliebten Sohn wiederzusehen. Der Warnungen ihres Mannes Mark zum Trotz setzt sie damit etwas in Gang, was weitreichende Folgen hat.

Drehbuch und Regie aus einer Hand

Die Filme, die Mike Flanagan während seines Bachelor-Studiums im Fach „Electronic Media & Film“ drehte, waren vorwiegend im Bereich des Melodramas angesiedelt. Danach erweiterte der inzwischen 38-Jährige sein Portfolio allerdings noch etwas: Neben Dramen wie „Makebelieve“ von 2000 und „Still Life“ von 2001 (in beiden geht es um befreundete Studenten, die sich mit unterschiedlichen Sorgen und Nöten herumschlagen) drehte Flanagan einige Horror- und Mysteryfilme, die durchaus Beachtung fanden. Neben „Absentia“ sind es vor allem „Oculus“ und „Ouija: Ursprung des Bösen“, die Genre-Fans bekannt vorkommen werden. BEFORE I AWAKE ist der nächste Film, bei dem er nicht nur Regie führte, sondern auch das Drehbuch selbst geschrieben hat.

Für die weibliche Hauptrolle gewann er Kate Bosworth, die beispielsweise im Zocker-Thriller „21“, im Demenz-Drama „Still Alice“ und im Superhelden-Abenteuer „Superman Returns“ zu sehen war. Thomas Jane als Pflegevater könnte einem als rachsüchtiger „The Punisher“ aufgefallen sein. Allerdings spielt er eher eine untergeordnete Rolle, was im Verlauf der Handlung immer deutlicher wird. Einen besonderen Glücksgriff hat Regisseur Flanagan mit Jungstar Jacob Tremblay getan: Weltweite Bekanntheit hat der Neunjährige dank seiner oscarreifen Leistung im Geiseldrama „Raum“ erlangt. Während seine Filmmutter Brie Larson für ihre Rolle den Goldjungen erhielt, gab es für ihn unverständlicherweise nicht mal eine Nominierung.

BEFORE I WAKE wurde noch vor „Raum“ gedreht, doch auch in dieser Produktion – einer Mischung aus Mystery, Horror, Fantasy und Drama – wird sein großes Schauspieltalent auf eindrucksvolle Weise deutlich. Mit seiner außergewöhnlichen Präsenz trägt er wesentlich zur Wirkung des gesamten Films bei. Dem kommt auch der Umstand entgegen, dass die Mutter-Kind-Bindung den Schwerpunkt bildet. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte, in der Flanagan außerdem zwei beliebte Motive miteinander verbindet.

Die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit

Einerseits geht es um das Schlafen beziehungsweise das Träumen. In Mysteryfilmen und Thrillern wird dieses Grundbedürfnis des Menschen gerne mal thematisiert, wahrscheinlich da Schlaf und gerade das Träumen etwas Unberechenbares und schwer Greifbares an sich hat. Man denke nur an die Freddy Krüger-Filmreihe „Nightmare On Elmstreet“, wo der vernarbte Mörder seinen Opfern nur in deren Träumen auflauern kann. In dem Thriller „Ich.Darf.Nicht.Schlafen.“ mit Nicole Kidman und Colin Firth in den Hauptrollen bedeutet Schlaf hingegen Vergessen. Nach dem Aufwachen weiß die Protagonistin nicht mehr, was seit ihrem verhängnisvollen Unfall passiert ist. Sie kann daher nie sicher sein, wem sie vertrauen kann.

In BEFORE I WAKE hingegen geht es um die einzigartige Gabe des kleinen Cody, dass Dinge aus seinen Träumen real werden. Das birgt jede Menge Gefahren und stellt vor allem den Betroffenen vor ein Dilemma: Er kommt um Schlaf nicht herum, will ihn aber dennoch vermeiden, um seine Mitmenschen nicht in Gefahr zu bringen.

Andererseits findet sich in dem 2016 produzierten Film das Motiv des Waisenkindes wieder. Es ist gerade im Horror- und Mysterygenre beliebt, da es etwas Geheimnisvolles mit sich bringt: Die Identität und die Herkunft des verwaisten Kindes ist meist unklar, und genau das bietet viele Möglichkeiten, eine unheimliche Geschichte zu erzählen, die sich erst auflöst, wenn die Wurzeln des Kindes geklärt werden. Beispiele dafür sind „Orphan – Das Waisenkind“ mit Vera Farmiga und Peter Sarsgaard und im weitesten Sinne auch „Fall 39“, in dem Renée Zellweger ein Mädchen bei sich aufnimmt, dessen leibliche Eltern völlig überfordert wirken, oder „Silent Hill“, in dem die ungeklärte Herkunft der adoptierten Sharon für Nervenkitzel sorgt. Auch bei BEFORE I WAKE ist die Herkunft von Cody zunächst völlig unklar, ebenso warum er schon mehrfach die Pflegeeltern gewechselt hat. Natürlich sorgen auch hier die Hintergründe für große Aha-Momente.

Flanagans Ziel: Drama und Mystery vereinen

Aus den beiden Motiven und der besonderen Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem Kind als rotem Faden der erzählten Geschichte formt der Regisseur glücklicherweise etwas Neues und bildet nicht nur bereits Gesehenes nach. In Hinblick darauf, dass Mike Flanagan seit seinem Studium sowohl Dramen als auch Mystery- und Horrofilme drehte, lässt sich erahnen, dass BEFORE I WAKE für ihn eine ganz besondere Bedeutung hat. Hierbei versucht er sich daran, diese beiden Genres, die auf den ersten Blick nahezu unvereinbar erscheinen, miteinander zu verbinden. Das ist sicherlich kein leichtes Unterfangen, denn das Risiko, dass entweder die einen oder die anderen Fans auf der Strecke bleiben, ist groß.

Mystery-Liebhaber wollen sich in der Regel vor allem gruseln, und Freunde von Dramen schauen für gewöhnlich erst gar keine Mysteryfilme. Doch Flanagan meistert den Balanceakt gut. Im Verlauf des Films wird allerdings deutlich, dass er mehr berühren als erschrecken will. Vor allem versucht er, in eine zarte Kinderseele zu blicken und die Verbindung zwischen Eltern, insbesondere Mutter und Kind, in vielschichtiger Weise näher zu beleuchten. Dank dem hervorragend agierenden Jacob Tremblay gelingt das die meiste Zeit packend sowie spannend, und gerade die spätere Auflösung darüber, wo der Ursprung des Grusels liegt, hat eine respektable Eindringlichkeit. Sie zeigt auch, welch gutes Händchen der Regisseur für das Erzählen und Visualisieren von Geschichten hat.


CARMEN PORSCHEN

 

Titel: BEFORE I WAKE
Land/Jahr: USA 2016
Label: capelight pictures
FSK & Laufzeit: ab 16, ca. 97 Min.
Verkaufsstart: 17. März